Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18490511>

Breslau d. 11 Mai 1849.

Hochverehrtester Freund und Gönner!

Da ich bis heut noch keine Nachricht von Ihnen habe, möchte ich beinahe glauben, daß die zu Ihnen gedrungene Nachricht von dem am 7. Mai stattgefundenen Straßenkrawall Sie unschlüssig machen könnte.1 Wir leben indeß jetzt hier nach der Proklamation des Belagerungsszustandes wie im Himmel, und sind dadurch von vielen lästigen Dingen befreit. Die Clubs sind verboten wo die Herren der äußersten Linken: Elsner, Stein, Pflücker etc. stets Aufruhr predigten, die Berichte davon las man täglich in den Zeitungen, desgleichen sind alle die Schandblätter verboten, in denen von Hungerleidern ihnen mißliebige Persönlichkeiten stets mit Kothe beworfen wurden, alles dies hat aufgehört. Das letzte Werk der Wühler war eine Volksversammlung, vorigen Sonntag d. 6. Mai im Gartensaale zum Deutschen Kaiser, worauf gleich ein Pöbelhaufen mit blutrother Fahne die Stadt durchzog und Abends die Stadt beunruhigte; das Militair war indeß auf dem Platze und es kam zu nichts Erheblichem. Montags aber fing man schon gegen Abend ½ 6 Uhr an Barrikaden zu bauen, nahm unter anderem dazu auch einen Postwagen, der eben ankam. Die Barrikaden wurden dann sofort verlassen, und wenn das Militair sie nehmen wollte, wurde auf dasselbe aus den Fenstern meuchlings geschossen und viele davon getötet. Ich kam gerade aus einer Lektion in die Nähe des Pelotonfeuers und sah, wie man Dachziegel auf die Soldaten warf; um nach Hause zu kommen, mußte ich selbst eine Barrikade übersteigen. Der Kampf dauerte an vielen Punkten der Stadt bis nach 11 Uhr. Mehrere der feigen Mörder sind von den Soldaten aus den Häusern geholt und nach Gebühr vorläufig maltraitirt worden. Kein Bürger hat sich indeß bei diesem Krawall betheiligt sondern nur Plebs und Fremde, meistens Polen. Die Herren Leiter und Wühler waren indeß nirgends zu finden, sondern saßen im Bierkeller und warteten dort den Erfolg ihrer Bestrebungen ruhig ab, wodurch sie sich die Volkswuth zuzogen und ihres Lebens nicht mehr sicher sind. Einige davon haben auch schon das Weite gesucht, wie z. B. der ehemalige Oberst der Bürgerwehr Engelmann, der noch Tags vorher so unvorsichtig war, das Militair zu ermahnen, nicht auf das Volk zu schießen, und dafür Stöße bekam und in das Wasser geworfen werden sollte, wovon ihn noch ein Offizier rettete. Über 200 Personen sind bereits verhaftet, wodurch manches wohl an den Tag kommen wird. Vorläufig haben diese Herren Wühler ihre Rolle hier ausgespielt. Die Gefangenen selbst haben geäußert: sie würden, wofern sie nur eine Stunde noch in Freiheit wären, dieselbe dazu benützen, diesen Herren, welche sie so getäuscht und sich selbst so feige benommen hätten, die Köpfe abzuschlagen. In Dresden soll ja der Kampf auch beendet sein. Kommen Sie ruhig zu uns, jetzt genießen wir im Belagerungszustande, der sich aus einen Umkreis von 2 Meilen erstreckt, der Ruhe.
Viele Grüße den lieben Ihrigen

Ihr
dankbarer Verehrer
A. Hesse.

Autor(en): Hesse, Adolph
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Elsner, Moritz
Engelmann, Otto
Pflücker, Bernhard
Stein, Julius
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Breslau
Dresden
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1849051131

http://bit.ly/1QjUxuf

Spohr



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 04.05.1849. Spohr beantwortete diesen Brief zwischen dem 13. und 31.05.1849.

[1] Vgl. „Breslau”, in: Leipziger Zeitung (1849), S. 2383f. 

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.04.2016).