Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.4 <Böhme 18490409>

Cassel den 9ten
April 1849.

Lieber Herr Böhme,

Sie haben mich durch Ihr sinniges und reiches Geburtstagsangebinde auf das angenehmste überrascht! als ein Zeichen Ihrer Liebe und Anhänglichkeit wird es mir unter ähnlichen Gaben stets eines der liebsten seyn! Ihr Paquet kam den Charfreitag früh in meine Hände und ich konnte daher den prächtigen und zugleich geschmackvollen Taktirstab1 gleich am Abend durch die Direction meines Oratoriums „des Heilands letzte Stunden“ einweihen! Die glänzenden Blitze, die er in die Kirche warf, zogen Aller Augen auf sich, und hätten mir2 mein Personal, welches solche Pracht in meiner Hand nicht gewohnt ist, leicht zerstreuen können! Doch ging alles glücklich zu Ende und des Stabes Einweihung war daher eine durchaus würdige.
Auch für die Mittheilung und Dedication Ihrer Ouverture sage ich Ihnen den besten Dank. Ich habe sie durchgesehen und völlig correkt gefunden. Ich werde Sorge tragen, daß sie bey erster Gelegenheit executirt werde, damit wir sie zu hören bekommen. Was ich dazu beytragen kann, für sie einen Verleger zu finden, wird mit Freuden geschehen; doch wird es in jetziger Zeit, wo der Musikhandel in Deutschland ganz darnieder liegt, schwer halten. Ich selbst habe über die Ungunst der Zeit in dieser Beziehung ohnlängst meine Erfahrung gemacht, indem ich 3 Manuscripte (ein 4tes Doppelquartett, ein Sextett für Streichinstrumente und ein Quartett) für sehr ermäßigtes Honorar habe ablassen müssen.3
Sie wissen vielleicht noch nicht, daß mein talentvoller Schüler J. Bott kürzlich vom Kurfürst zum Concertmeister ernannt worden ist. Anfangs machte es bey den ersten Geigern, selbst seinen Vater4 nicht ausgenommen, viel böses Blut, daß ihnen der jüngste, als Cheff vorgesetzt wurde. Da er aber den Platz vollkommen würdig ausfüllt, so haben sie sich schon fügen müssen und es scheint nun wieder alles beruhigt.
Ich habe mich gefreuet zu hören, daß die bewegte Zeit auch Ihre Stellung nicht so ungünstig eingewirkt hat, als auf die so vieler deutschen Künstler, von denen viele, die keine feste Anstellung hatten, in die größeste Noth gerathen sind, wie z.B. die Mit[glieder] des Theaterorchesters in Leipzig, d[ie mit] einem Drittheil ihres frühern Gehaltes sich begnügen mußten! Und noch immer ist die Lage Deutschlands sehr drohend, und es ist nicht abzusehen, was endlich daraus werden wird!
Meine Frau, die sich nicht weniger wie ich über das schöne Geschenk gefreut hat, erwiedert Ihren Gruß auf das freundlichste.
Mit wahrer Freundschaft stets

Ihr
ergebener
Louis Spohr



[1] Vgl. Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 370, Anm. *.

[2] Hier ein Wort gestrichen.

[3] Alle drei Kompositionen erschienen im jungen Kasseler Verlag Luckhardt.

[4] Anton Bott.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.05.2020).