Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18481019>

Breslau d. 19 October 1848.

Hochgeehrtester Freund und Gönner!

Unsere Korrespondenz hat wieder eine geraume Zeit gestockt, und ich fühle dringend das Bedürfnis eine Zuschrift Ihrer lieben Hand zu erhalten. Wie oft habe ich mir gewünscht, gerade in dieser Zeit mit Ihnen zusammen zu sein, und Sie politisieren zu hören, denn darin sind Sie eben so groß als in der Musik. Sie sind ein Mann der Freiheit, ich auch; denn glauben Sie ja nicht, daß ich die Mißbriäuche und Beschränkungen des alten Systems gut geheißen habe; aber wie es setzt steht, ist’s wohl auch traurig. Scenen des Gräuels überall, Gesetzlosigkeit, Darniederliegen aller Geschäfte, (von der Kunst ist gar nicht mehr die Rede) rohe Willkür des Volkes, das von unseren sogenannten Demokraten immer mehr aufgeregt wird; dies Alles ist doch wohl sehr traurig. Bekommen wir endlich eine Verfassung, und sei es die beste, wird’s dann ruhig werden? ich glaube nein! denn die Wühler werden auch dann in ihrem Gebahren nichts aufhören, da sie auf gesetzlichem Wege zu keiner brillanten Stellung gelangen können, sondern Anarchie und Kommunismus die einzigen Pfade wären, welche sie zum Ziele führten. Wer wird noch Alles zu Grunde gehen, ehe es besser wird! Unser Theater hat sich bei diesen Zuständen noch am besten herausgebissen.1 Nach dem glorreichen 18. März mit seinen zweideutigen Errungenschaften mußte das Haus geschlossen werden; die Direktion kündigte dem ganzen Personal, und trat bis zum 1ten October ab. Es thaten sich nun mehrere Bühnenmitglieder zusammen und etablirten eine Lotterie, in welcher Theaterbillets verloost wurden. Die Bedingungen waren sehr mäßig und die Aussichten angenehm. Das Loos kostete 2 Thaler, wer gar nichts gewann, bekam für den Einsatz Billets, wobei also Niemand etwas verlor. Das Unternehmen ging so gut, dabei fanden Gastspiele ausgezeichneter Künstler statt, daß das Publikum immer rege erhalten wurde. Die Schauspieler haben beim Abtreten der provisorischen Direktion 8000 Thaler Überschuß unter sich vertheilt.
Das Theater-Orchester arrangirte in Liebichs Garten Konzerte zu 2 gr. Entrée. Der Zulauf des Publikums war ungeheuer. Donnerstags wurden immer Sinfonien gegeben, alle Musikfreunde waren gegenwärtig, ich selbst habe mit den Theaterkapellmeistern2 abwechselnd dirigirt, unter andern 2 meiner Sinfonien und Ihre Ouverturen zu Faust und Jessonda. Es wurde alles immer sehr genau probirt und ging schön und gerundet. Freilich mußte das sehr wackere Orchester das Opfer bringen, im ersten und dritten Theile nebst neuen, modernen Ouverturen auch Tänze zu spielen, der 2te Theil aber bestand stets aus einer gediegenen Ouverture und einer Sinfonie. Es war dabei erfreulich zu bemerken, wie sich dann die Kunstfreunde in dichten Reihen um das Orchester schaarten und wie still es dann im Garten wurde, so daß nichts verloren ging. Diese Konzerte bestanden schon, als wir uns noch der frohen und schönen Hoffnung hingaben, Sie bei uns zu sehen. Alles war vorbereitet, es sollten an die Breslauer Kunstfreunde Karten gegeben werden um ihnen den Genuß zu bereiten, einige Ihrer Meisterwerke mit den besten hiesigen Kräften unter Ihrer Leitung. zu hören, hätten Sie uns noch ein Doppelquartett, Konzert, Quartett und Trio (versteht sich an verschiedenen Tagen) gespielt, so wären wir in den dritten Himmel versetzt worden. Ein Bräutigam kann sich nicht mehr nach der Geliebten sehnen, als ich nach den Tönen Ihrer Geige; schon 2 Jahre mußte ich dies entbehren. Könnte ich jetzt von Hause fort, was nicht gut möglich ist, da ich Hauswirth bin und nicht wissen kann, was vorfällt, ich rutschte mit der Eisenbahn auf ein paar Tage zu Ihnen um durch Ihre Himmelstöne Poesie in dies prosaische Leben zu bringen. . Soeben erfahre ich, daß man hier die Wühler, welche auf dem Exerzierplatze Volksversammlungen veranlaßt und aufregende Reden gehalten haben, verhaftet. Ein Dr. Borchardt. ist gestern früh aus dem Bett geholt worden3; der eine dieser Herren ermahnte das Volk geradezu, keine Abgaben mehr zu geben. Viele solcher Leute sind auf dem Lande herumgezogen um das Volk aufzuwiegeln; ich glaube indeß nicht, daß es zu etwas Ernstlichem kommt, da das Militär immer schlagfertig steht und ohne Versöhnung einschreiten würde. Schreiben Sie wir doch ja recht bald, ich sehne mich sehr darnach. Ihre Frau Gemahlin, alle Ihre Angehörigen und sonstige Freunde bitte ich hochachtungsvoll zu grüßen. (Werden Sie diesen Winter Konzerte arrangiren?) Hochachtungsvoll

Ihr dankbarer Verehrer
A. Hesse

Autor(en): Hesse, Adolph
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Borchardt, Louis
Heinze, Gustav Adolph
Seidelmann, Eugen
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Faust
Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte: Breslau
Erwähnte Institutionen: Stadttheater <Breslau>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1848101931

http://bit.ly/1VwOUAZ

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 02.06.1848. Dazwischen liegt vermutlich noch ein derzeit verschollener Brief, in dem Spohr seine geplante Breslau-Reise absagte. Spohrs Antwortbrief ist ebenfalls derzeit verschollen.

[1] Vgl. G.B., „Breslau, im September”, in: Neue Berliner Musikzeitung 2 (1848), S. 291f., hier S. 291

[2] Eugen Seidelmann und Gustav Adolph Heinze.

[3] Vgl. „Breslau”, in: Der Freund der Wahrheit und des Volkes 1 (1848), S. 277; „Breslau”, in: ebd., S. 473; J[ulius] Lasker und Friedr[ich] Gerhard, Des deutschen Volkes Erhebung im Jahre 1848, sein Kampf und seine Institutionen und sein Siegesjubel. Ein Volks- und Erinnerungsbuch für die Mit- und Nachwelt, Danzig 1848, S. 333

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.04.2016).