Autograf: ehemals Privatbesitz Dr. Ernst Hauptmann in Kassel, vermutlich 1943 Kriegsverlust
Druck: Moritz Hauptmann, Briefe von Moritz Hauptmann, Kantor und Musikdirektor an der Thomasschule zu Leipzig an Ludwig Spohr und Andere, hrsg. v. Ferdinand Hiller, Leipzig 1876, S. 31f.

Leipzig den 15. Juni 1848.

Daß ich mit meinem politischen Glauben und Glaubensbekenntniß sehr übel bei Ihnen ankommen mußte, konnte ich mir wohl denken, es war auch etwas Spaß dabei, nur daß man dieß dem geschriebenen Worte nicht so leicht ansehn kann; ich habe auch gegen die Freiheit nichts, nur finde ich die Despotie der Freiheit so wenig behaglich, als jede andere und die sich blähende Dummheit ganz unerträglich. — Damit ist aber die gute Sache gar nicht berührt, nur das was sie einhüllt.
Mit großem Vergnügen habe ich aus Ihrem lieben Briefe erfahren, daß Sie mit der Abfassung Ihrer Biographie beschäftigt sind und möchte nun sehr gerne auch wissen, wie bald wir die Herausgabe derselben wohl erwarten können. Daß ich ihr mit dem größten Interesse entgegen sehen werde, können Sie wohl denken, vielleicht entschließen Sie sich, sie in mehreren Theilen erscheinen zu lassen und lassen nur dann nicht zu lange auf den ersten warten.
Die Commission der Friedensclasse pour le merite hat sich endlich doch, wiewohl etwas sehr spät, ihrer Schuldigkeit erinnert. Ich las die Nachricht, daß Sie den Orden erhalten1 als ich meinen letzten Brief an Sie schon abgeschickt hatte, sonst würde er meine Gratulation enthalten haben, die ich hiermit von Herzen nachbringe. Ich vermuthe, da es nur eine bestimmte Anzahl dieser Orden giebt, daß Sie Mendelssohns Kreuz zu tragen erhalten haben2, wenigstens habe ich in neuerer Zeit von keinem andern Todesfall unter diesen Kreuzrittern gehört. Wer hätte glauben können, daß Mendelssohn ihn so wenige Jahre tragen würde.
Rietz sagte mir, daß ein Finale seiner Oper Loreley, das ganz vollendet und in Partitur sich vorgefunden hat, zu dem Schönsten gehört was Mendelssohn geschrieben, sonst ist aber von der Oper außer einigen Skizzen nichts vorhanden, dieses ist das einzige fertige Stück. Das Buch wollte aber Rietz gar nicht lobenswerth finden, ich kann mir überhaupt auch gar nicht denken, daß der ein wenig sentimentale, durchaus lyrische Dichter Geibel ein dramatisch gutes Opernbuch machen könnte. Das wird wohl auch eine ewige Calamität der deutschen Oper bleiben, wie es von jeher gewesen ist, wenn das Frankfurter Parlament sich der Sache nicht annimmt. Wenn es erst im Reinen ist mit der neuen Strophe zu Arndt's „was ist des Deutschen Vaterland"3, kommt es, da sie doch schon beim Poetisch-Musikalischen sind, wohl auch zur Oper. Da würde auch Blum wieder bedeutend mitsprechen können und mit gründlichen Kenntnissen, da durch seine Hände so viele Operntexte gegangen sind, denn er war hier Theater-Kassirer. Ich bitte aber zu bemerken, daß ich mit Absicht so ein paar sehr schlechte Witze mache, damit es nicht für Ernst genommen werden kann. — Nur schien mir die Frankfurter Angelegenheit mit der Arndt'schen Strophe im Ernste etwas sehr — deutsch.

Erwähnte Personen: Arndt, Ernst Moritz
Blum, Robert
Geibel, Emanuel
Rietz, Julius
Erwähnte Kompositionen: Mendelssohn Bartholdy, Felix : Loreley
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Erwähnte Institutionen: Nationalversammlung <Frankfurt am Main>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1848061533

http://bit.ly/2jt4fnh

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Hauptmann, 04.06.1848. Der nächste belegte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hauptmann, 24.10.1848.

[1] Vielleicht in der am 07.06.1848 erschienenen Ausgabe von Allgemeine musikalische Zeitung 50 (1848), Sp. 384.

[2] Dies traf zu (vgl. Alexander von Humbold an Spohr, 01.06.1848).

[3] Vgl. Eduard von Simson, Erinnerungen aus seinem Leben, hrsg. v. B[ernhard] v[on] Simson, Leipzig 1900, S. 99.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.01.2016).