Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18480508>

Sr. Wohlgeb
Herrn Adolph Hesse
Königl Musikdirector
in
Breslau


Cassel den 8ten Mai
1848

Geehrter Freund,

Der junge Neumann kehrt zurück und ich benutze diese Gelegenheit Ihren lieben Brief zu beantworten, obgleich ich über unsere projektirte Reise nach Breslau noch nichts bestimmte melden kann. Man muß erst ruhig den Erfolg des Zusammentrits des Parlaments in Frankfurt abwarten, bevor man Reisepläne für diesen Sommer entwerfen kann. In Ihrer Nachbarschaft, in Gallizien und Polen sieht‘s noch gräulich aus und es kann sich aus den dortigen Wirrnissen leicht ein Krieg mit Rußland entspinnen. Preußen sieht aber einer großen Zukunft entgegen, denn nach der Weigerung Östreich‘s, sich den Beschlüssen des deutschen Parlaments unbedingt zu unterwerfen, ist fast kein Zweifel mehr, daß Ihr König1 zum Kaiser Deutschlands erwählt werden wird! – Bis Mitte Juni, dem Beginne unserer Ferien wird das künftige Geschick Deutschlands gewiß schon entschieden seyn und man wird dann auch wieder an seine Reiseangelegenheiten denken können. Soglich nach Pfingsten werde ich Ihnen schreiben, ob wir noch in diesem Sommer zu Ihnen kommen oder es bis nächstes Jahr verschieben.
Am Charfreitag gaben wir auch hier Mendelssohn‘s Elias und da es in der Charwoche hier und in der Umgegend ruhig war, so war die Kirche ziemlich gefüllt. Das Werk, obgleich für die Masse der Zuhörer etwas zu lang und zu monoton, hat doch im Ganzen sehr gefallen und wir haben deshalb die Absicht es am Pfingstage zu wiederholen, wenn uns nicht etwa der Kurfürst durch Verweigerung der Erlaubnis einen Strich durch die Rechnung macht. Ich habe das Oratorium mit jeder Probe lieber gewonnen und halte es für das Beste, was Mendelssohn in der Gattung geschrieben hat.
Das neuste aus meiner Feder ist ein Sextett für 2 Violinen, 2 Bratschen und 2 Violoncells, concertirend für alle 6 Instrumente. Es wird jetzt ausgeschrieben und ich bin gespannt den Efekt zu hören, da ich mir mir im Voraus keinen recht klaren Begriff davon machen kann.
In meinen musikalischen Arbeiten wird jetzt wohl eine längere Pause eintreten, denn ich habe mich bereden lassen, meine Biographie zu schreiben und habe mich schon ganz hinein vertieft. Es ist ein eigenthümliches Vergnügen die Jugenderinnerungen wieder aufzufrischen!
Leben Sie wohl und lassen Sie sich durch die momentanen Trübsaale die Freude nicht verderben, eine so glorreiche Zeit, wo die Deutschen [en]dlich ihre Freiheit erringen, mit erlebt [zu] haben!
Von meiner Frau die freundlichsten Grüße.
Mit wahrer Freundschaft stets

der Ihrige
Louis Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 29.04.1848. Hesse beantwortete diesen Brief am 02.06.1848.

[1] Friedrich Wilhelm IV.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.04.2016).