Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18480429>

Sr. Hochwohlgeb
Herrn Dr. Louis Spohr, Kurfürstl
Generalmusik-Drector, Ritter
etc.
in Cassel

franco.


Breslau d. 29 April 48

Hochverehrter Freund und Gönner!

Seit wir uns nicht geschrieben, ist eine große Zeit an uns vorübergegangen, und was noch vorübergehen soll, das weiß der Himmel; ich schreibe Ihnen nicht mehr aus einem despotischen Staate, (wie Sie früher immer scherzhaft zu mir sagten) doch wie es im Augenblick steht , war es früher noch weit besser; das Volk versteht hier seine Freiheit nicht und glaubt sie bestehe in Nichterfüllung seiner Pflichten, in Rauben und Plündern. Alle Ordnung ist aufgehoben, alles liegt darnieder, kein Vertrauen, kein Lebensmuth; wo soll das hinaus. Ein bedeutendes Haus nach dem andern fallirt, wie kann es auch anders sein. Unser Theater hat vom ersten Juni ab allen Mitgliedern, 145 an der Zahl gekündigt, die Pacht kann nicht mehr gezahlt werden, (sie beträgt 8000 Thaler jährlich) sie ist auf ein Jahr erlassen und der Direktion die Freiheit gestattet, spielen und aussetzen zu lassen, wenn sie will; die Kündigung geschah wohl mehrenteils darum, um vom 1. Juni mehrere Mitglieder nicht wieder zu engagiren; dennoch weiß ich nicht, wie es dann gehen soll. 14000 Thaler sind bereits zugesetzt. Am 17ten Abends wurde hier die Gründung einer Republik durch Krawall, Raub und Plünderung versucht; die Sache war durch Emissäre und Polen veranstaltet, und verzweigt sich durch ganz Schlesien; es ist glücklicher Weise mißlungen, dennoch sind Menschenleben zu beklagen und viele Verwundungen vorgekommen. O hätte doch unser König schon früher nach und nach Manches nachgegeben, da kam dies alles nicht vor. Mit Ihrem Kurfürsten hielt es auch hart, ehe er daran wollte. Vorgestern Abend sind 150 Vertriebene polnische Emigranten aus Krakau hierher geflohen; die Sympathie für die Polen hat sich hier fast ganz verloren, man will nicht viel mehr von ihnen wissen. Die Kunst ruht auch; das letzte, was wir hörten, war Mendelssohns Elias, durch Mosevius sehr wacker mit 250 Personen aufgeführt, die Aufführung kam gerade noch vor Thoresschluß und Mosevius dankte Gott, mit 24 Thaler Ausfall davonzukommen. Wenn zur Zeit Ihrer Ferien gerade nicht Krieg im Lande ist, was ich beinahe nicht glaube, so kommen Sie doch noch zu uns; vielleicht wird es bis dahin durch die nun nächstens vorzunehmenden Urwahlen besser; wenn Männer, die das Vertrauen des Volkes besitzen, zum Besten des Landes berathen, so kann das gesunkene Vertrauen wohl wieder hergestellt werden. Nächsten Montag d. 1. Mai finden hier unsere Urwahlen statt.
Schreiben Sie mir doch recht bald, ich sehne mich sehr darnach. Fr. u. Hr. v. Malsburg kamen vorigen Winter hier durch, ließen mich aus dem Hotel freundlich auch von Ihnen grüßen, leider habe ich sie nicht mehr gesehen.
Empfehlen Sie mich all den lieben Ihrigen und sonstigen Bekannten.

Hochachtungsvoll
Ihr
dankbarer Verehrer
A. Hesse.

Erwähnte Personen: Malsburg, Caroline von der
Malsburg, Otto von der
Mosewius, Theodor
Erwähnte Kompositionen: Mendelssohn Bartholdy, Felix : Elias
Erwähnte Orte: Breslau
Erwähnte Institutionen: Singakademie <Breslau>
Stadttheater <Breslau>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1848042931

http://bit.ly/22H5Dkj

Spohr



Dieser Brief folgt auf Hesse an Spohr, 03.03.1848. Spohr beantwortete diesen Brief am 08.05.1848.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.04.2016).