Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18471211>

Sr. Wohlgeb
Herrn Adolph Hesse
K. Pr. Musikdirector und
Oberorganist in
Breslau.


Cassel den 11ten Dec.
1847

Geehrter Freund,

Es ist allerdings lange her, daß Sie mir nicht geschrieben haben und da Sie weit weniger mit Geschäftscorrespondenz geplagt sind wie ich, so könnten Sie wohl häufiger schreiben, auch wenn ich einmal mit einer Antwort im Rückstand geblieben bin. Dieses Mal war ich aber in der That schon im Begriff Ihnen zu schreiben, wie Ihr lieber Brief eintraf. Die nächste Veranlassung war die eingetretene Trauer um den Kurfürst, die uns 4 Wochen Ferien bringt und mir die Muße, meine Briefschulden abzutragen. Denn wollte ich Ihnen aber auch melden, daß wir, meine Frau und ich, da die Eisenbahn von Berlin nach Breslau nun fertig ist, unsern lang gehegten Plan, Breslau zu besuchen, nun nächsten Sommer auszuführen gedenken; vorausgesetzt, daß Sie um die Zeit der hiesigen Ferien auch dort anwesend sind. Ich werde allerley Neues mit bringen und Ihnen zu hören geben können, ein Quartett, ein Quintett, ein 4tes Trio für Piano, ein 4tes Doppelquartett und eine neue Sinfonie (die 8te.) Diese habe ich im Auftrag der Philharmoninischen Gesellschaft ich London geschrieben und ihr als Eigenthum für die nächste Concertsaison überlassen. Nach Ablauf derselben wird sie aber wieder mein Eigenthum und kann nur durch mich veröffenlicht werden.
Unsere Concerte haben wegen der Trauer noch nicht beginnen können. Das erste wird nun am Mittwoch vor Neujahr stattfinden. Der Musikdirector Gerke, einer meiner früheren Schüler, ein sehr ausgezeichneter Geiger, wird darin auftreten. Dieser bewirbt sich auch um die Chor- und Musik-Director-Stelle die durch Baldewein‘s, vor 14 Tagen, erfolgten Tod erledigt ist. Die Stelle des Concertmeisters, die auch noch erledigt ist, suche ich für Bott1 zu reserviren, der vor der Hand als Solospieler mit 400 Rth angestellt ist. Was Sie von ihm in öffentlichen Blättern gelesen haben2, ist nicht ganz ohne Grund. Sein Vater wollte ihn während der Sommerferien nicht reisen lassen da er ihn nicht begleiten konnte. Bott, der jetzt durch seine Anstellung selbstständig ist, hatte eine Scene mit seinem Vater3, ging in Gesellschaft lockerer Genossen auf den Felsenkeller, trankt dort viel und, immermehr aufgeregt durch diese, kam er zu dem unseligen Entschluß, seinem Leben ein Ende zu machen. Er schlich sich fort und stürzte sich in die Fulda. So betrunken er aber auch war, so kehrte doch bald die Liebe zum Leben zurück und da er ein geübter Schwimmer ist, so gelang es ihm bald das Ufer zu gewinnen. Da er aber mit den Kleidern ins Wasser gesprungen war und seine Kameraden ihm gefolgt waren, so blieb die Sache nicht verschwiegen und machte großes Aufsehen. Nach meiner Rückkehr v[on] London nahm ich ihn zünftig vor u[nd] ich glaube nun, daß diese Catastroph[e] einen nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht und ihn zu einem vorbildlichen Menschen umgebildet hat. – Er hat in nächster Zeit wieder Fortschritte gemacht und ich halte ihn nun für einen der besten der jetzt lebenden Geiger!
Ihre Erwähnung des Vaters4 von Neumann5 veranlaßt mich zu der Anfrage, ob es wahr ist, daß dieser bedeutende Verluste an seinem Vermögen erlitten habe!? So sagt sein Sohn und entschuldigt sich damit, daß er schon seit lange das Honorar für den Unterricht fällig geblieben ist. Da ich den Jungen aber schon auf andern Lügen ertapt habe, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß er das Geld empfangen und für andere Dinge ausgegeben hat. – Ich kann ihn überhaupt nicht sehr loben. Er ist nicht fleißig und da ihm das feinere Gehör für reine Intonation abgeht, so wird sein Spiel, bey aller Fertigkeit die er besitzt, sich doch nie über das Gewöhnliche erheben. – Leben Sie wohl. Herzliche Grüße von allen.
Mit wahrer Freundschaft stets der Ihrige Louis Spohr.



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 02.12.1847. Hesse beantwortete diesen Brief am 31.12.1847.

[1] Jean Joseph Bott.

[2] Vgl. Signale für die musikalische Welt 5 (1847), S. 236.

[3] Anton Bott.

[4] Theodor Neumann.

[5] J.G. Neumann.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (14.04.2016).