Autograf: nach Ausweis der Abschrift ehemals im Besitz von Carl Spohr in Rostock
Abschrift: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Gen. 118

Sr. Wohlgeb. Herrn Regierungs-Secretair Albert Spohr
in Stettin

frei


Cassel den 29ten October 1849

Hochgeehrter Herr Regierungssekretair,

Ihre freundliche Zuschrift hat mich angenehm überrascht, da mir bisher unbekannt war, daß unser Name auch in Pommern existirt. Ob nun Ihre Familie ein Zweig der unsrigen ist, kann ich aus dem, was mir über meine Vorfahren bekannt ist, zwar nicht mit Sicherheit behaupten, wohl aber vermuthen, daß dem so sey. Wir stammen nämlich ebenfals, wie Ihre Familie, aus Hessen und es giebt in der Gegend von Frankenberg und Marburg noch viele Familien unseres Namens. Die Kentniß meiner Vorfahren beschränkt sich bey mir auf den Urgroßvater, der Wundarzt in Alfeld, einem Städchen im Königreich Hannover, war und von dem es hieß, er sey aus Hessen eingewandert. Er hatte 2 Söhne1 und eine Tochter, die ich alle drei persönlich gekannt habe, denn der älteste war mein Großvater von väterlicher Seite, Pastor Spohr2 in Woltershausen, von dem ich in der Religion unerrichtet und confirmirt bin; die Tochter aber war meine Großmutter3 von mütterlicher Seite, an den Pastor Henke4 in Braunschweig verheiratet und der andere Sohn war Superintendent in Schöppenstedt, den ich in meiner Jugend auch oft gesehen habe. Mein Vater, der ältester einer sehr zahlreichen Familie, war bey seiner Verheiratung praktischer Arzt in Braunschweig, wurde später als Physikus nach Seesen und zuletzt nach Gandersheim versetzt, wo meine Eltern in hohem Alter, bald nach einander gestorben sind. Ich bin noch in Braunschweig geboren, nicht wie die gedrukten Biographien fälschlich berichten, in Seesen. Meine Eltern5, die beyde sehr musikalisch waren, und häufig Musikparthien bey sich gaben, legten meiner Neigung zur Musik kein Hinderniß in den Weg, und so wurde ich von frühester Kindheit an zum Künstler betimmt. Ich verheirathete mich in Gotha, wo ich 7 Jahr lang Concertmeister war, mit Dorette Scheidler, die mir 4 Kinder schenkte6, von denen noch 2 Töchter am Leben sind. Die älteste ist an einen Fabrikant Zahn, jetzt in Newjork in Amerika etablirt, die jüngste an den Professor Wolff hieselbst verheirathet. Vor 12 Jahren verheirathete ich mich hier, wo ich seit 1821 als Kapellmeister angestellt bin, zum 2ten Mal mit einer Tochter des Oberappelationsraths Pfeiffer7. Von meinen Geschistern leben noch 3 Brüder, zwei in Braunschweig8 und einer in Holzminden9. Alle 3 sind verheirathet und haben zahlreiche Familie, so daß der Name Spohr so bald im Herzogthum Braunschweig nicht verlöschen wird. Der Sohn10 meines Bruders Ferdinand, der mein Schüler war und hier als Mitglied der Hofkapelle früh verstarb, ist soeben zum Besuch bey mir, hat als Jurist sein Staatsexamen gemacht und heißt als mein Pathe Louis wie ich. - Das ist alles, was ich Ihnen über meine Familie mittheilen kann. Die Wahrscheinlichkeit unsrer Verwandtschaft ist mithin vorhanden, obgleich sie sich nicht nachweisen lässt. Es hindert und aber nicht anzunehmen, daß wir von denselben Urältern abstammen. Und so begrüße ich Sie als Namensvetter und wünsche, daß uns der Zufall einmal zu näherer Bekanntschaft zumsammen führen möge. Leben Sie wohl
Hochachtungsvoll

Ihr ergebenster
Louis Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Albert Spohr an Louis Spohr, 23.10.1847.

[1] Georg Ludwig Heinrich Spohr und Karl Friedrich Spohr.

[2] Georg Ludwig Heinrich Spohr.

[3] Charlotte Christiane Wilhelmine Henke, geb. Spohr.

[4] Ludwig Henke.

[5] Carl Heinrich Spohr und Ernestine Spohr.

[6] Neben den im Folgenden noch erwähnten Emilie Zahn und Ida Wolff noch der kurz nach seiner Geburt verstorbene Friedrich Spohr und Therese Spohr.

[7] Marianne Spohr.

[8] Wilhelm und August Spohr.

[9] Carl Spohr.

[10] Ludwig Spohr.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (10.10.2017).