Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18470226>

Sr. Hochwohlg.
Herrn General-Musikdirektor
Dr. Louis Spohr, Ritter mehrerer Orden etc. etc.
in Cassel.

franco


Breslau d. 26 Febr 47.

Theuerster Freund und Gönner!

Vor ohngefähr 5 Wochen schrieb ich Ihnen und gratulirte herzlich zu Ihrer Amtsjubelfeier. Bald darauf las ich in unserer Zeitung1, daß auch unser König Ihre Brust noch mit dem rothen Adler-Orden geschmückt, und Sie außerdem noch das Ehrenbürgerrecht von Kassel erhalten haben, zu allen diesen Auszeichnungen meine nachträgliche herzliche Gratulation.2 Gott erhalte Sie noch lange den Ihrigen und uns allen gesund und kräftig; ich schreibe Ihnen dies mit ganz besonderen Empfindungen, da der Tod mir gestern meinen Vater entrissen hat. Er war 67 Jahre alt, stets robust und kräftig; eine Erkältung zog ihm heftigen Brustkrampf zu, der sich dann in ein nervöses Frieselfieber verwandelte; er schlummerte nach 10tägigem Darniederliegen sanft ein. Ich verlor in ihm meinen besten Freund; er war es, der mein Talent für Musik im zartesten Alter entdeckte, und alles mit Aufopferung aufbot, um mich diese Bahn verfolgen zu lassen. Er hatte sich früher aus Liebhaberei dem Orgelbau gewidmet und es darin sehr weit gebracht. Er baute mir eine prächtige Orgel ins Zimmer, so daß es mir dadurch und durch Berners Anleitung möglich wurde, mich dieser Richtung ganz hinzugeben. Wie glücklich machte es ihn, daß ich mir Ihre Freundschaft erworben hatte, wie oft sprach er den Wunsch aus, Sie zu sehen und Ihnen mündlich für alles mir erwiesene Gute zu danken. Ihre Jessonda war seine Lieblingsmusik, und fast nie hat er sie versäumt. Es hat mich gedrängt, in meinem grenzenlosen Kummer diese Zeilen an Sie zu richten, meine Mutter und mein Bruder (welcher hier Geistlicher ist) sind auch ganz von Schmerz betäubt. Da mein Vater fast nie krank war, so trifft mich dieser Verlust um so herber, indem ich mir diesen Fall gar nicht sobald als möglich denken konnte. Jetzt kann ich erst die Größe Ihres Schmerzes ermessen, der Sie nach dem Verluste Ihrer Theuren erfassen mußte, ein Glück, daß Gott Sie noch eine so vortreffliche Gattin finden ließ.
Entschuldigen Sie mein theurer Freund, den ich nächst meinem Vater stets am meisten verehrt habe, daß ich Sie mit so traurigen Dingen unterhalte.
Schreiben Sie mir, wenn es Ihnen möglich, recht bald. Wenn ich Ihre Schriftzüge sehe, empfinde ich stets eine freudige Beruhigung. Empfehlen Sie mich den lieben Ihrigen und sonstigen Bekannten aufs Beste.

Ich bin
wie immer
Ihr
dankbarer Verehrer
A. Hesse.

Autor(en): Hesse, Adolph
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Berner, Friedrich Wilhelm
Hesse (Bruder von Adolph Hesse)
Hesse (Mutter von Adolph Hesse)
Hesse, Friedrich
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte: Breslau
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1847022631

http://bit.ly/1Wra039

Spohr



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 30.01.1847. Spohr beantwortete diesen Brief am 03.03.1847.

[1] Noch nicht ermittelt.

[2] Vgl. „Aus Kassel”, in: Neue Zeitschrift für Musik 14 (1847), S. 63f., hier S. 64; „Kassel”, in: Neue Berliner Musikzeitung 1 (1847), S. 51

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.04.2016).