Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18470130>

Sr. Hochwohlgeb
Herrn Dr. Louis Spohr,
General-Musikdirector, Ritter
etc etc

franco.


Breslau den 30 Januar 47

Hochverehrter.Freund und Gönner!

Mit Freude und Wonne habe ich vernommen, wie festlich man ihr Dienstjubiläum am 20sten begangen hat und welche Ehrenbezeugungen Ihnen zu Theil wurden. Ist für Sie auch eigentlich keine dergleichen gut genug, so ist das Bestreben Ihrer Umgebungen doch anzuerkennen, und aus diesem Gesichtspunkte betrachtet gratulire ich Ihnen herzlich zu Ihrer Ernennung als General-Musikdirector, wie Sie denn in den Augen der musikalischen Welt schon längst der Generalissimus aller deutschen Musiker waren.1 Da die Beschreibung Ihres Dienstjubiläums für mich leider nicht ausführlich genug war, so hoffe ich von Ihrer Güte recht bald eine Zuschrift. Bis Anfang November vorigen Jahres haben wir immer noch gehofft, daß Breslau das Heil wiederfahren würde, Sie auf Ihrer Wiener musikalischen Reise ein paar Tage in seinen Mauern zu sehn, leider las man dann bald die Vernichtung unserer Hoffnung in den öffentlichen Blättern. Für den Fall Ihres Hierherkommens war Alles zu Ihrem festlichen Empfange bereit; vielleicht krönen Sie in diesem Jahre unsere Wünsche. Unsere Konzerte sind wie gewöhnlich wieder im Gange, Müller aus Braunschweig war hier, spielte 2 mal Concert und 2 mal Quartetten, unter andern Ihr 8tes Konzert2, groß und gediegen, doch nicht mit der Innigkeit, wie ichs von Ihnen gehört, auch nahm er das Adagio ein bischen zu gedehnt, er will zu viel Ton herausziehen und überspannt den Bogen zuweilen, so daß der Ton zuweilen an das Rauhe streift, doch sonst allen Respekt vor ihm, Haydn’sche Quartette spielt er reizend; auch Beethoven vortrefflich. Ihre 2te und 4te3 Sinfonie wurden auch gegeben, unter andern spielte ich auch in einer der Schoenschen Quartett-Unterhaltungen Ihr ewig junges Klavierquintett in c-moll4, und glaube es in der Auffassung getroffen zu haben. Mosevius gab Davids Wüste. Das wäre das Musikalische dieses Winters bis jetzt. Schreiben Sie mir nur recht bald.
Die herzlichsten Grüße an Ihre Frau Gemahlin, deren und Ihre Familie, Fr. v. Malsburg und alle sonstige Bekannte.
Ich bin, wie immer

Ihr dankbarer Verehrer
A. Hesse.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 12.06.1846. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 26.02.1847.

[1] Diese Briefpassage ist zitiert als „Hesse zu Breslau, der treffliche Orgel-Virtuos, grautlirt dem Jubilar zu der Ernennung zum General-Musikdirector und hebt hervor, daß Spohr ,in den Augen der musikalischen Welt ja längst der Generalissimus aller deutschen Musiker’ gewesen sei” in: Spohr’s Jubel-Fest im Januar 1847, Kassel 1847, S. 23.

[2] Op. 47.

[3] Die Weihe der Töne.

[4] Der Kontext legt nah, dass es sich hier um die Fassung für Klavier und Streichquartett op. 53 handelt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.04.2016).