Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochzuverehrender Herr Capellmeister
und theuerer Lehrer!

Um einen Dienst muß ich Sie bitten, durch dessen Gewährung Sie mich aus einer peinlichen Lage erretten können. In dem nächsten dahier in der Harmonie stattfindenden Concerte habe ich ein Concert zu spielen zugesagt, allein mein Vorrath an Saiten gieng zu Ende, ohne daß ich den Mangel zu ersetzen im Stande war. Von Frankfurt, wohin ich mich gewendet, habe ich bisher keine Antwort erhalten, und bei dem Drange der Zeit darf ich nicht länger hinzuwarten wagen, und hier in der Stadt ist gänzlicher Mangel an Saiten, wie ich sie bedarf. Meine Bitte ist nun an Sie gerichtet, mir wenn es geschehen kann, nach dem beiligenden Muster 8 dreifädige1 römische Qinten umgehend übersenden lassen zu wollen, und den Betrag gütigst durch Postvorschuß zu erheben. allein mit eigenen Angelegenheiten war ich stets zu überhäuft, obgleich ich, um nicht undankbar zu erscheinen, für das mit so vieler Nachsicht mir ausgestellt Zeugniß Ihnen längst meinen Dank hätte abstatten sollen. Ich habe übrigens seitdem noch zu allem Uberflusse Jurisprudenz studiert, und bin gegenwärtig hier Accessist am Landgerichte links des Mains, eine Laufbahn, die etwas zu prosaischer Natur, und die ich zum guten Glücke auch nicht zu verfolgen gezwungen bin, denn ich werde mich wahrscheinlich demnächst als Privatdocent der Philosophie an einer der Landesuniversitäten habilitiren, wo ich denn bei vorzugsweiser Instanz auf das Gebiet der Aestetik, dem interessirenden Theile derselben der Musik mehr Zeit werde zuwenden können. Was ich seither stets bedauerte, daß ich etwas zu früh und ganz und ohne die nöthige Erfahrung in Ihren Unterricht trat, glaube ich vielleicht noch ausgleichen zu können. Nach Verlauf einem Jahre gedenke ich Sie meinen verehrten Lehrer zu sehen, wo Sie sich denn schon entschließen müssen, mir eine oder die andre Stunde zu geben. Ich glaube auch dann eher im Stande zu seyn, Ihren Unterricht besser zu fassen. Möge Ihnen noch lange Dauer Ihrer Tage beschieden seyn. Leben Sie indessen recht herzlich wohl, und gedenken Sie bisweilen Ihres wenn auch früher etwas leichtsinnigen, aber mit steter Hochachtung und Liebe Ihnen ergebenen Schülers

Dr Reder

Würzburg am 13t December
1846.
Haus Nro 262.I.D.

Autor(en): Reder, Anton
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Würzburg
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1846121340

http://bit.ly/3b0myua

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Anton Reder an Spohr, 24.07.1838. Spohr beantwortete diesen Brief am 15.12.1846.

[1] Zur Verwendung von „dreifädig“ in Bezug auf Violinsaiten vgl. Carl Schulze, Stradivaris Geheimniss. Ein ausfühliches Lehrbuch des Geigenbaus, Berlin 1901, S. 116.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (03.02.2020).