Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr Wohlgeboren
dem Herrn Kappellmeister
Dr Louis Spohr.
in
Cassel.1


London den 14ten Juny 1846.

Geehrtester Herr Kappellmeister!

die Aufführung Ihres Quartet-Concertes fand am 1ten d. M. im 6ten Philharmonischen Concert statt, und zwar mit dem entschiedensten Beifall. Das Werk wurde von den Herrn Blagrove, Willy, Hill, und Lucas aufgeführt und da diese sich alle mögliche Mühe gaben um die Composition genau einzustudiren2, und da das Orchester von dem Director Costa vortrefflich geleitet wurde so blieb in Hinsicht der Aufführung nichts zu wünschen übrig, nur behauptete Mann3, daß Blagrove mit mehr Feuer hätte spielen können, da aber wenn er dieses gethan hätte, es würde als ein Wunder zu betrachten gewesen seyn, so blieben die Wünsche des Publicums unerfüllt. Der Saal war sehr voll und jeder interessirte sich auf das lebhafteste für die neue Composition.4
Sie werden sich mit recht wundern, daß ich habe vierzehn Tage vorübergehen lassen ohne Ihnen zu schreiben, aber Sie wissen daß in dieser Jahreszeit die Londoner Saison bedeutend im gange ist und daß die Musiker beschäftigt seyn werden mit vielem Schweiss ihr dürftiges Brod zu verdienen. ich mache auch keine Ausnahme hierin, und habe ziemlich viel zu thun gehabt, so viel daß ich meinen Deutschen Freunden in Hinsicht des Brief Schreibens sehr im Stich gelassen habe.
Neuigkeiten giebt es gar nicht hier. Die Anzahl von auswärtigen Künstlern ist geringer wie im vorigen Jahre, und die die hier sind gehören keinesweges zum ersten Range. Moscheles hat sich entschlossen nach Leipzig zu gehen und verlässt London nach der Saison, Benedict hat eine Oper geschrieben. Die schöne Musik enthält die aber nicht angesprochen hat. Sie wird aber in Berlin und Prag gegeben. Mendelssohn kömmt Ende August um sein neues Oratorium Elias,5 in Birmingham zu leiten.
Was meine Arbeit betrifft so habe ich manche neue Sachen beynah fertig, unter Andern werde ich mir die Ehre erlauben Ihnen die Partitur einer Sinfonie, und Ouverture zu schicken, oder6 wenn möglich selbst mitzubringen da ich die Hoffnung hege im naechsten Winter nach Deutschland kommen zu können. Wie lieb es mir seyn wird mich in Cassel zu befinden wissen Sie und hoffentlich bringen wir dann manchen schönen Tag zusammen.
Meine Eltern und Geschwister lassen sich Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin auf das freundlichste empfehlen, und mit jedem Ausdruck der Achtung und Dankbarkeit

Verbleibe ich
hochgeehrtester Herr Kappel-
meister
ganz ergebenst der Ihrige
Charles Edward Horsley.

Als Nachschrift hat Fräulein Speyer aus Frankfurt, mir viele Grüße an Sie und Ihre Frau, aufgetragen. Fräulein S. hat die Absicht sich hier niederzulassen und Unterricht zu geben. Eine schlechte Sache7 in London wo schon 7.000 Menschen von Musik Unterricht leben!!



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Horsley an Spohr, 08.02.1846. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Horsley an Spohr, 12.09.1846.

[1] Auf dem Adressfeld befindet sich rechts oben der Poststempel „HANNOVER / 22 JUN“.

[2] „zu“ unter der Zeile eingefügt.

[3] Sic!

[4] Vgl. dagegen „Spohr’s Quartett concertant wurde von den HH. Blagrove, Willy, Hill und Lucas brav gespielt, gefiel aber nicht“ (Ferdinand Praeger, „Aus London“, in: Neue Zeitschrift für Musik 25 (1846), Sp. 113f., 121f., 141f., 161f. und 169, hier S. 114); „The Quartet Concertante was ineffective“ („Sixth Philharmonic Concert. Monday, June 1“, in: Spectator 19 (1846), S. 546f. hier S. 547).

[5] Hier gestrichen: „zu“.

[6] „oder“ über gestrichenem „wen“ eingefügt.

[7] Hier gestrichen: „von“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (22.07.2020).