Autograf: ehemals Privatbesitz Dr. Ernst Hauptmann in Kassel, vermutlich 1943 Kriegsverlust
Druck 1: Louis Spohr, Louis Spohr's Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 302 (teilweise)
Druck 2: Moritz Hauptmann, Briefe von Moritz Hauptmann, Kantor und Musikdirektor an der Thomasschule zu Leipzig an Ludwig Spohr und Andere, hrsg. v. Ferdinand Hiller, Leipzig 1876, S. 21ff. (teilweise)

Lieber Herr Kapellmeister!

Ueber die Aufführung der Quartett-Concertante werden Sie schon vom Leipziger Referenten in der musikalischen Zeitung gelesen haben1, sie war recht gut, ich glaube aber, daß es, auch von Ihrer Mitwirkung abgesehn, unter Ihren Augen in Cassel noch besser nüancirter, im Solo wie in der Begleitung gehen muß; ich habe es nicht gern, wenn man Compositionen dieser Art „leicht" finden will, es ist dabei noch lange nicht alles gethan wenn Ieder nur für sich das Seinige thut, für das Ganze das Seinige zu thun ist hier die höhere Aufgabe und Schwierigkeit, die aber nur einzusehn schon unbedingter den durchgebildeten Künstler verlangt, als das einzelne Solospiel an sich. Alles was von Ihnen kommt, altes und neues, findet hier jederzeit die allergünstigste Aufnahme. Man hört es dem Applaus sehr leicht an, ob die Sache blos gefällt oder ob sie innerlich anspricht und Vergnügen macht und das ist bei den Ihrigen hier nie zu verkennen. Gesang- wie Instrumentalstücke von Ihnen werden immer mit wahrer Zuneigung angehört, das Concertpublicum findet sich dabei in einer ihm behaglichen Atmosphäre, und so wurde auch die Concertante, an deren dessen Execution ich nicht alles befriedigend finden konnte, mit sehr warmem Beifall aufgenommen. Mir ist sie recht Spohrisch d.h. ebenso meisterlich als gefühlvoll vorgekommen, und daß man von den großen Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens beim Anhören gar nichts gewahr wird, wie auch in Ihren Doppelquartetten immer bei kunstvoller Combination die größte Klarheit vorhanden ist, was man bei anderen Zusammenstellungen, die über das Gebräuchliche hinausgehen nicht oft sagen kann, das ist was zwar nur der Verständige versteht und als höchste Kunst zu würdigen weiß; was aber auch dem blos fühlenden Hörer zusagt und ihn in gute Stimmung setzt.
Neulich wurde auch eine Composition mit Ossian'schem Text von Gade aufgeführt, eine dramatisch gehaltene Cantate mit einem Inhalt wie er eben Gade's Naturel sehr gut zusagen mußte2. Ich glaube auch nicht, daß er so leicht aus seinem Seelufttone herauszugehen vermöchte, wenigstens habe ich noch in keiner seiner Compositionen einen anderen angeschlagen gehört, über alle seine Partituren fliegen Seemöven, und nicht die sogenannte Ouvertüre allein, alle seine Compofitionen sind „Ossian'sklänge”. Wie man in einer Gemäldegallerie auch Schneelandschaften und Seestücke wenn sie vortrefflich sind gern mit aufhängt, so kann man sich auch in der Musik unter anderem eine so nordisch-nationale, dabei sehr liebenswürdige und gefühlvolle Eigenthümlichkeit wie Gade's sehr wohlgefallen lassen. Es ist aber eigen wie so manche Componisten neuerer Zeit sich bei Gesangmusik nur durch den Text, dessen Inhalt und Fortgang bestimmen lassen wollen, — die bei ihren Instrumentalstücken ein sehr gutes und an sich verständliches Ganze zu bilden wissen und das Bedürfniß haben. Es ist ein rechtes Mißverständniß der Gesangmusik, wenn man meint, daß diese Bedingung hier nicht ebenso vollkommen wie dort zu erfüllen wäre, denn das Musikalische im Gedicht ist eben nicht das, was mit dem Wortausdruck beim Lesen oder Sprechen succesiv zum Ausdruck kommt, dies kann nur die kleineren und untergeordneten Nuancen in der Musik bestimmen, sondern was als Gefühls-Complex aus dem Ganzen und seinen Theilen sich ergiebt und dieses ist durch das Ganze des Poetischen musikalisch dasselbe und muß eben auch musikalisch als ein Ganzes zu fassen sein. Wie das Gedicht seine Gliederung haben muß, so wird sie auch der Musik dazu nicht fehlen, aber sie wird hier wie dort eine organische sein müssen. Ein Auge, eine Hand sind etwas für sich, am Körper aber etwas, das nur durch das Ganze bestimmt ist und in diesem seine Realität und bestimmte Stelle hat. Eine musikalische Phraseologie die nur durch das erste und letzte Wort mit dem Ganzen sich verbindet, ist unmusikalisch in der Wurzel.

Autor(en): Hauptmann, Moritz
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Gade, Niels : Nachklänge aus Ossian
Spohr, Louis : Konzerte, Vl 1 2 Va Vc Orch, op. 131
Erwähnte Orte: Leipzig
Erwähnte Institutionen: Gewandhaus <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1846040933

http://bit.ly/2invstW

Spohr



Der letzte belegte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hauptmann, 25.01.1846.
Druck 2 datiert diesen Brief nur mit 1846, in Druck 1 ergibt sich das Datum vor allem aus dem chronologischen Kontext der Selbstbiographie. Jedoch gibt Hauptmann im Brief ein relatives Datum: „Neulich wurde auch eine Composition mit Ossian'schem Text von Gade aufgeführt”. Demnach entstand der Brief in einem deutlichen zeitlichen Abstand nach dem Konzert vom 23.03.1846 (vgl. Anm. 2). Gleichzeitig entstand der Brief wohl vor Hauptmann an Spohr, 21.04.1846. Eine ähnliche Formulierung in Hauptmann an Franz Hauser, 09.04.1846 könnte helfen, das Datum näher zu bestimmen: „Von Gade ist neulich eine dramatische Cantate Comala nach Ossian gegeben worden” (in: Briefe von Moritz Hauptmann, Kantor und Musikdirektor an der Thomasschule zu Leipzig, an Franz Hauser, Leipzig 1871, Bd. 2, S. 39-44, hier S. 41). Da Hauptmann außerdem erst im Brief vom 21.04.1846 die Leipziger Karfreitags-Aufführung eines Requiems von Luigi Cherubini erwähnt, entstand der Brief wohl vor dem Karfreitag (10.04.1846). Daher lässt sich derzeit nicht sicher entscheiden, dass Spohr an Hauptmann, 10.04.1846 die Antwort auf diesen Brief ist oder ob sich die Postwege beider Briefe überschnitten.
Der Text folgt hier der Fassung in Druck 2. Druck 1 gibt nur einen Ausschnitt und ist in Details offensichtlich stilistisch bearbeitet.

[1] Die Aufführung von Spohr Konzert für Streichquartett und Orchester op. 131 war am 12.02.1846 (Bert Hagels, Konzerte in Leipzig 1779/80-1847/47. Eine Statistik, Berlin 2010, pdf-Dokument auf beiliegender CD, dort S. 1162f.). Die von Hauptmann erwähnte Konzertkritik erschien am 18.02.1846: „Leipzig, den 14. Februar 1846”, in: Allgemeine Musikalische Zeitung 48 (1846), Sp. 121ff., hier Sp. 121.

[2] Zum Konzert am 23.03.1846 vgl. „Leipzig, den 12. März 1846”, in: Allgemeine Musikalische Zeitung 48 (1846), Sp. 225-229, hier Sp. 225-228.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.01.2016).