Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18460403>

Sr. Wohlgeb
Herrn Adolph Hesse
Königl Musikdirector
in
Breslau.


Cassel den 3ten April
1846

Geliebter Freund,

Nachdem ich Ihren lieben Brief vom 26st Febr. wieder durchgelesen habe, schäme ich mich, Ihnen nicht früher geantwortet zu haben! Zum Theil verschob ich es, weil ich Ihnen gern zugleich meine Reiseprojecte für die Ferienzeit melden wollte in der Hoffnung, daß Sie es dann so einrichten würden, daß wir uns irgendwo träfen. Nun habe ich freilich schon seit 4 Wochen fest bestimmt, in diesem Sommer die Carlsbader Kur, nicht wie voriges Jahr nur versuchsweise, sondern ordentlich zu Ende zu bringen und da wird dann wohl von der schönen Feienzeit nicht viel zu andern Excursionen übrig bleiben. Es wäre daher sehr erwünscht von uns, wenn Sie auf einige Zeit nach Carlsbad kämen und uns hülfen die Monotonie des dortigen Aufenthalts durch fleißiges Musiciren zu beheben! Wäre es zum Schluß unsers dortigen Aufenthalts, so könnten wir dann gemeinschaftlich nach Leipzig reisen, wo ich diese Mal einen Aufenthalt von einigen Tagen zu machen gedenke, nevor ich in‘s lästige Joch zurück kehre. Doch über alles dieses werde ich Ihnen ausführlich schreiben, wenn Sie mir Hoffnung geben, Sie in Carlsbad zu sehen. – Nun zu einer Bitte. Es ist uns eine Oper von einem Breslauer Komponisten (Sein Name ist mir entfallen) „Loreley, die Nixe des Rheins“ angetragen worden und das Buch1, welches zur Ansicht mitgeschickt wurde, würde sich recht gut zur Wahl für den Geburtstag des Prinzen eignen. Nun wünsche ich von Ihnen zu erfahren, wie die Musik ist und ob das Werk dort gefallen hat. Die Oper ist (dem Titel nach) dort zuerst gegeben worden und Sie habe Sie ohne Zweifel gehört. Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir dieß recht bald beantworten wollten, indem es die höchste Zeit ist, daß wir uns für eine Geburtstags-Oper entscheiden, weil diese noch vor Beginn der Ferien größtentheils eingeübt werden muß.
Es hat mir eine harten Kampf gekostet bevor ich mich entschied, nach Carlsbad fahren zu wollen, denn ich erhielt vor 4 Wochen eine Einladung nach London für die Ferienzeit, um dort in Exeter Hall an drei Abenden meine sämtlichen Oratorien zu dirigiren. Wenn ich nicht die Aussicht hätte, es im nächsten Jahre nachholen zu können, so hätte ich micht nicht entscheiden können es für dieses Jahr abzulehnen. Nach dem Clavierquintett und dem Quartett-Concert habe ich noch ein brillantes Violinquartett (das 30te,) geschrieben und einige Male gespielt. Im Ganzen genommen habe ich aber nur wenig Neues zu Stande gebracht, weil ich gar zu selten ungestört zur Arbeit kommen kann, was mich oft recht verstimmt.
Für das Viele, musikalisch Interessante Ihres lieben Briefs den herzlichsten Dank! Was Sie mir von dem Musiktalent des Herrn Jäschke schildern hat nicht nur mein Erstaunen sondern auch die innigste Theilnahme erregt! Welch ein Glück für ihn, daß die Kunst seine Nacht so schön zu erhellen vermag!
Schreiben Sie mir doch wie die Breslauer die Kompositionen von Berlioz goutirt haben, oder vielmehr sagen Sie mir, was daran ist. Ich kenne nur die eine Ouverture zu „König Lear“ die eine seiner besten Kompositionen genannt wird, die ich aber schlecht genug und bey allem sichtlichem Streben nach Originalität, doch sehr gewohnlich gefunden habe. – Wiele‘s Stelle ist noch nicht wieder besetzt. Jetzt hat sich ein ausgezeichneter Künstler dazu gemeldet der Kapellmeister Pott aus Oldenburg. Er wird auf Einladung des Prinzen in 8 Tagen hieherkommen und im Theater Concert geben. Ich bin sehr gespannt, ob er engagirt werden wird. – Am Charfreitag werden wir die „letzten Dinge“ und das Mozartsche Requiem geben. Beyde Sachen sind gut eingeübt. – Nach Ostern geben wir in unserem vorletzten Abonnementconcert „die Wüste von Israel“.
Leben Sie wohl. Von Herzen der Ihrige
Louis Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 26.02.1846 und 01.04.1846. Hesse beantwortete diesen Brief am 10.04.1846.

[1] H[enriette] Berg, Loreley, Die Fee am Rhein. Große romantische Oper mit Tanz in drei Aufzügen, Musik von Gustav Adolph Heinze, Leipzig 1846.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.10.2015).