Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18460401>

Sr. Hochwohlgeboren
Herrn Dr. Louis Spohr, kurfürstl
Hofkapellmeister, Ritter etc
in
Cassel

franco


Breslau d. 1 April 1846

Mein hochverehrter Freund und Gönner!

Obgleich ich mich auf meine letzte Zuschrift noch keiner Antwort Ihrerseits zu erfreuen hatte, so drängt es mich doch an Sie zu schreiben. Zuvörderst meinen herzlichen Glückwunsch zum 5ten April, möge Ihnen der Himmel noch viele Jahre schenken, wozu bei Ihrer kräftigen Körperkonstitution die beste Aussicht ist. Sodann muß ich Ihnen mittheilen, daß Berlioz kürzlich ein Konzert in der Aula gab. Die musikalischen Kräfte Breslaus hatten sich vereinigt, um Hr. Berlioz genug zu thun, was auch, glaube ich, gelungen ist. Dem größten Theil der Hörer hat diese Musik indeß mißfallen, und nehme ich den Pilgermarsch1, die Ballszene in der Sinfonie und einige Stellen im Delinquentenmarsch aus, so ist das Übrige gänzlich ungenießbar, weil Berlioz alle Gesetze der Harmonie und des Rhythmus aufzuheben sich nicht scheut. Zeilenlang mußte ich seine Mienen beobachten um daraus zu entnehmen, daß das Orchester richtig spiele, sonst würde ich geglaubt haben, die Orchesterstimmen seien voll von Druckfehlern. Der Pilgermarsch und Ballscene enthalten schöne Sachen, die Instrumentierung ist oft sehr interessant und sein Dirigiren bestimmt und energisch. Es war uns natürlich höchst interessant, die Sachen unter seiner Leitung zu hören, doch waren wir auch mit diesem Konzert zufrieden gestellt. Drei lange Proben wurden gehalten, so daß die Aufführung sehr abgerundet war. Wenn Sie das beiliegende Programm lesen, sehe ich Sie im Geiste lächeln und ganz ruhig sagen: dummes, einfältiges Zeug! In der That sieht auch diese Beschreibung einem Quintaner-Roman ähnlich. In der Scene auf dem Lande, in welcher abwechselnd zwei englische Hörner blasen, kommt zuletzt ferner Donner vor, der von 4 Paukern auf 4 Pauken mit eigens von Berlioz mitgebrachten Schlägeln hervorgebracht wird; so zwar, daß während einer donnert, der andere schon hineinschlägt, was sich recht täuschend macht, man glaubt der Donner halle von Berg zu Berg. Hierbei bemerkte indeß jemand ironisch, daß die Donnermaschiene aus dem Theater nebst Kolophoniumblitzen noch bessern Effekt gemacht haben würde. Bott schrieb neulich aus Berlin an mich und wollte uns ein Konzert geben, leider konnte ich ihm aber nicht zureden herzukommen, da das Berliozsche Konzert stattfand und die vielen Aufführungen zur Osterzeit für reisende Künstler durchaus ungünstig einwirken, so gerne wir seine Meisterschaft wieder bewundert hätten. Über seine Erfolge in Hamburg etc. habe ich mich sehr gefreut. Ihre Doppelsymphonie werden wir nächsten Bußtag im Benefizkonzerte des Kapellm. Seidelmann im Theater hören, worauf ich mich sehr freue. Köhler, Mosevius, Koßmaly etc. empfehlen sich Ihnen hochachtungsvoll. An die lieben Ihrigen etc. die herzlichsten Grüße. Ich bin

wie immer Ihr
ergebener u dankbarer Verehrer
Adolph Hesse

Schreiben Sie mir doch recht bald, ich warte mit Sehnsucht darauf; was haben Sie für nächsten Sommer vor? ich will vielleicht nach Italien und durch die Schweiz zurück, wobei Kassel berührt werden soll.

Autor(en): Hesse, Adolph
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Berlioz, Hector
Bott, Jean Joseph
Köhler, Ernst
Koßmaly, Carl
Mosewius, Theodor
Seidelmann, Eugen
Erwähnte Kompositionen: Berlioz, Hector : Harold en Italie
Berlioz, Hector : Symphonie fantastique
Spohr, Louis : Irdisches und Göttliches im Menschenleben
Erwähnte Orte: Breslau
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1846040131

http://bit.ly/1GGV4so

Spohr



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 26.02.1846. Spohr beantwortete diesen und den Vorbrief am 03.04.1846.

[1] In Harold en Italie (vgl. Neue Zeitschrift für Musik 13 (1846), S. 112).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.10.2015).