Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18460226>

Breslau den 26. Februar 46

Mein hochverehrtester Freund und Gönner!

Es ist bereits wieder eine geraume Zeit verstrichen, seit ich mich der letzten Zuschrift von Ihnen zu erfreuen hatte, und da gewiß so manches musikalisch-Interessante bei Ihnen sich begeben haben wird, so bitte ich Sie hiermit mich recht bald durch den Anblick Ihrer Schriftzüge zu erfreuen. Ihre Briefe liegen von dem ersten an den ich Juny 1829 empfing, in meinem Pult geordnet und numerirt da, und war der letzte im October 45 an mich gerichtete bereits der 50te.1 Sie waren in diesen 50 Briefen so gütig mich von Allem, was Sie seit 1829 betroffen, zu unterrichten, was darin nicht verzeichnet ist habe ich persönlich mit Ihnen verlebt, und dies weisen meine Tagebücher, die ich stets aus Reisen führe, nach, so daß mir seit 1828, wo ich das Glück hatte, Sie persönlich kennen zu lernen, nichts Sie betreffendes fehlt; jeder musikalische Hochgenuß, (und deren waren in dieser Zeit nicht wenige) den ich bei Ihnen hatte, ist mir so gegenwärtig, als wäre es mir gestern erst zu Theil geworden und so möchte ich beinahe zweifeln, daß bei Ihren vielen Verehrern noch ein zweiter Sie so genau kennt, als ich. In diesem Winter ist bei uns in unseren 2 stehenden Konzertgesellschaften wieder so Manches gegeben worden, mehrere Ihrer bedeutenden Werke sind dabei vorgekommen; so hörten wir erst im letzten Deutsch‘schen Abonnementskonzert Ihre Weihe der Töne und das ewig junge Doppelkonzert in H, von Herrn Lüstner und Pfeiffer sehr wacker gespielt. Ein junger Mann Namens Jäschke, der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns, würde Sie interessiren kennen zu lernen. Er ist blind und hat all sein Thun und Streben der Musik und namentlich dem Violinspiele, in welchem er sehr bedeutend ist, zugewendet. So hat er zu jeder Zeit gegen 130 Kompositionen in Kopf und Fingern, darunter Ihre sämtlichen Konzerte, Potpourris, so wie die meisten Ihrer Quartetten und Quintetten, die er so ganz in Ihrem Geiste spielt; erst neulich trug er öffentlich Ihr Konzert in Form einer Gesangsscene, das ich, wenn Sie mirs nicht übel nehmen, für Ihr schönstes halte, sehr sauber vor, ebenso kürzlich bei sich zu Hause Ihr immer neues G-dur-Quintett. Er ist ein Schüler von Lüstner, der ihm jedes Tonstück vielleicht 2 mal vorspielt worauf Jäschke es sofort auswendig weiß und dann die: Sachen einübt und vorträgt. Ebenso spielt er auch Haydn’s Mozarts und Beethovens Quartette in ächt musikalischer Manier; da Jäschke ein glühender Verehrer von Ihnen ist, so würde mich es sehr freuen, wenn Sie in Ihrem nächsten Schreiben an mich seiner gedächten; es würde dies ein Sonnenstrahl in seine Lebensnacht sein und ihn sehr glücklich machen.
Meine Thätigkeit ist auch in diesem Winter etwas in Anspruch genommen worden; ich spielte öffentlich Beethovens G-dur-Konzert; nächste Woche soll ich noch Mendelssohns Capriccio in h-moll und mein Trio in es (das ich 1842 in einer Morgenunterhaltung mit Ihnen und Knoop spielte) vortragen. Ein neues Rondo von mir op. 78 in es erscheint nächstens; ich habe es Chopin gewidmet und werde seiner Zeit Ihrer Frau Gemahlin ein Exemplar zusenden. Mendelssohns Sommernachtstraum wird jetzt hier recht wacker gegeben und gefällt sehr. Hektor Berlioz will am 28sten Febr. hier eintreffen um seine Sachen aufzuführen; ich kann ihm keine günstigen Aussichten hier eröffnen. Ihre Kompositionen werden von meinen Schülern und mir à quatre mains fleißig gespielt, so daß ich fast täglich den Genuß dieser Sachen habe; daß wir sie mit besonderer Vorliebe behandeln, können Sie wohl denken.
Schreiben Sie mir sobald es Ihre vielfachen Geschäfte erlauben und vergessen Sie nicht, mich mit den Ergebnissen Ihrer Abonnementskonzerte bekannt zu machen. Ihr neues Quartett-Konzert haben Sie bereits gespielt, theilen Sie mir darüber etwas mit. Was macht Bott? wie ist Wiele’s Stelle besetzt worden? Nächsten Sommer hoffe ich Sie wieder irgendwo zu sehen und mich an den Himmelstönen Ihrer Geige zu erquicken.
Ihrer Frau Gemahlin, Herrn Oberappellationsrath Pfeiffer, dessen sowie Ihrer Familie, Frau Oberhofmarschallin von der Malsburg, sowie allen sonstigen Freunden und Bekannten empfehlen Sie mich herzlich.

Ich bin wie immer
Ihr
ergebener Verehrer
Adolph Hesse

Meine 6te Sinfonie in e (op. 75) ist 4händig und für Orchester bei Breitkopf und Härtel erschienen, ich habe sie wie die 5te in c-moll hier dirigirt, auch mehrere Orgelsachen habe ich wieder herausgegeben und dieselben nebst Bachschen in mehreren Orgelkonzerten hier gespielt. Sonntags 12 Uhr versammeln sich hier bei einem Instrumentenbauer immer Freunde gediegener Musik, es wird dort Kammermusik gemacht; vorigen Sonntag spielte ich Beethovens Trio in es (op. 70) und mehrere Bachsche Klaviersachen. Schreiben Sie mir ja recht bald, ich warte mit Sehnsucht darauf.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 02.11.1845. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 01.04.1846.

[1] Gemeint ist wohl Spohr an Hesse, 02.11.1845.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.10.2015).