Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Berlin 4. Decbr. 1845.

Hochverehrter Herr Kapellmeister!

Recht sehr habe ich es bedauert während Ihrer hiesigen Anwesenheit im vorigen Sommer in Dresden zu seyn, und so das Vergnügen zu entbehren, unsere persönlichliche Bekanntschaft zu erneuern. Ihre Kreuzfahrer habe ich indeß später mit großem Interesse gehört, und es bewundert, wie Sie1 dem bekannten Stoffe noch durch Ihre treffliche Composition neues Intereße verliehen haben. Auch ist die Form der Musikstücke ganz neu, und der dramatischen Wirkung entsprechend. Nur hat Ihnen hier freilich Jenny Lind und ein Heldentenor gefehlt, um noch größere Wirkung zu erreichen, obgleich alle Mitwirkende die besten Kräfte daran gesetzt haben, dem deutschen Meisterwerke zu genügen. Die edlere Gestaltung eins gleich werthvolln, Mozarts Don Juan, hat mir schon lange dem Herzen gelegen, Jezt ist dies Ziel unter Meyerbeer‘s Auspicien erreicht, indem Don Juan am 19ten Novber. dem Namenstage unserer Königin, statt des oft trivialen Dialogs, mit den von mir instrumentirten (Secco-)Recitativen, und Jenny Lind als Donna Anna bis jezt 3 mal mit großem Beifall gegeben ist.2
So schwer auch deutschen Sängern das parlante Recitativ wird, so haben doch die Damen Lind, Marx und Tuczek, und die Herren Bötticher, Krause und Behr dieser Aufgabe, mit Hülfe der unterstüzenden Begleitung der Streich-Instrumente, vollkommen genügt.
Da ich nun Don Juan in dieser anerkannt edeleren Gestaltung auf allen größeren deutschen Bühnen eingerichtet zu wißen wünschte, erlaube ich mir die Partitur der Dialog-Recitative (einige 30 Bogen stark) Ihrem dortigen Hof-Theater gegen ein mäßiges Honorar (hier habe ich 40 Rth erhalten) und Copialien-Erstattung ganz ergebenst anzubieten, und um baldgeneigten Bescheid zu bitten. Da ich mit der dortigen Intendanz nicht bekannt bin,3 nehme ich mir die Freiheit, mich an Sie, hochverehrter Herr Kapellmeister zu wenden, überzeugt, daß Sie für die Veredlung des Don Juan gern Ihre vielvermögende Vermittlung4 eintreten laßen werden, wodurch Sie sich ganz besonders verpflichten werden

Euer Hochwohlgeboren
wahren Verehrer
J.P. Schmidt.

Kronenstr.
No. 53.

Autor(en): Schmidt, Johann Philipp Samuel
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Behr, Heinrich
Bötticher, Louis
Krause, Julius
Lind, Jenny
Marx, Pauline
Tuczek, Leopoldine
Erwähnte Kompositionen: Mozart, Wolfgang Amadeus : Don Giovanni
Spohr, Louis : Die Kreuzfahrer
Erwähnte Orte: Berlin
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Königliche Schauspiele <Berlin>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1845120445

http://bit.ly/2KhyXQJ

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Schmidt, 05.12.1829. Spohr beantwortete diesen Brief am 25.12.1845.

[1] Hier gestrichen: „so wohl“.

[2] Vgl. T., „Berlin. November und December 1845“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 48 (1846), Sp. 178-181, 192ff. und 209-213, hier Sp. 193f.

[3] Hier ein oder zwei Buchstaben gestrichen.

[4] Hier gestrichen: „gern“(?).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.06.2018).