Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18451102>

Sr. Wohlgeb
Herrn Adolph Hesse
Königl Musikdirector und
Oberorganist in
Breslau.


Cassel den 2ten
Nov. 1845

Geehrter Freund,

Sie haben mich, seit wir uns in Berlin sahen, mit so mancher Zuschrift informirt, daß ich mich wirklich schämen muß, daß ich erst jetzt zum Antworten komme. Allen Anfangs fand ich nach der langen Abwesenheit so viel Arbeit angehäuft; dann kam nach der langen Pause die Lust zu komponiren so gewaltig, daß ich wieder alles was nicht ganz eilig war auf die Seite schob und so ist‘s denn geschehen, daß ich bis heute zögerte. Nun sollen Sie aber auch einen langen Brief haben. In Bonn waren die Musikaufführungen viel besser als ich erwartet hatte; ich hätte Ihnen sonst zugeredet, auch hinzugehen. Namentlich ging die große Messe vortrefflich und machte so theilweise doch auch große Wirkung. Die 9te Sinfonie aber, die dem großen Haufen viel besser gefiel, bleibt, wenn sie auch noch so gut gegeben wird, Beethovens schwächstes Produkt und der letzte Satz, in einer trivialen Gemeinheit, ist des großen Genius völlig unwürdig!1 Die Wahl unter den Beethoven‘schen Werken war überhaupt nicht die glücklichste, z. B. die des 2ten Finale aus Fidelio2, welches ebenfalls zu dem schlechtesten gehört, was Beethoven geschrieben hat. Das Fest war aber, trotz der großen Verwirrung, die dort herrschte, doch imposant und Liszt war in seiner Extravaganz sehr vergnüglich! Köhler und Marschner werden Ihnen gewiß manches davon erzählt haben. Auch das Concert in Brühl unter Meyerbeer‘s Leitung war höchst interessant, besonders durch den Gesang der Lind. Liszt spielte an diesem Abend eben so schlecht, wie ich ihn noch nie gehört hatte.3 Leid ist es mir übrigens, daß er und das übrige Comitée in öffentlichen Blättern so vielfach herunter gemacht ist, denn sie haben ihr Möglichstes gethan, jedemann zufrieden zu stellen. Es waren der Köpfe aber zu viele und keiner hatte Erfahrung in solchen Arrangements. So ging es auch Liszt mit dem Dirigiren, bey dem er sich unbeschreiblich ungeschickt benahm.4 Er fühlte dies auch selbst und übergab mir daher den größten Theil der Nummern des 2t und 3t Tags zur Direction, trotz dem daß er bereits als Director dieser Tage angekündigt war. Am Schlechtesten ging seine Cantate troz der vielen Proben und es war daher ein Glück, daß sie 2 Mal gemacht wurde, weil sie nun das 2t Mal, wo es etwas ruhiger geworden war, doch einigermaßen zusammen ging. Die Komposition habe ich viel besser gefunden, als ich erwartet hatte und jedenfals ist es das Beste, was er bisher zu Stande gebracht hat.5 Doch genug von Bonn und zu etwas anderm.
Seit meiner Rückreise habe ich ein großes Clavierquintett mit Streichinstrumenten geschrieben und auch schon 2mal bey mir gemacht. Es nähert sich im Styl mehr den Doppelquartetten wie den Trios, denn es ist auch zweichörig bearbeitet. Nun bin ich mit einer Kompositionsgattung beschäftigt, die, soviel ich weiß, noch nicht existierte, nämlich mit einem Quartett-Concert für 2 Violinen, Viola und Violoncell mit großem Orchester, der erste Satz ist bereits fertig und ich denke es gleich nach seiner Vollendung in unserm Abonnementconcerte zu spielen. - Diß erinnert mich an Ihre Anfrage wegen der Doppelsymphonie. Doch bin ich, da ich Ihr Lokal nicht kenne, außer Stande zu rathen. Am besten wird es seyn, Sie probiren welche Stellung den besten Efekt macht. Das natürlichste wäre wohl, wenn Sie die 11 Soloinstrumente in einer Reihe vor dem großen Orchester aufstellen. Wichtiger wie die Aufstellung ist aber eine gute Besetzung der Soloparthien, besonders der ersten Geige, die sehr schwer ist, so wie ein sorgsames Einüben von beyden Orchestern. Bey wiederholter Probe wird das was anfangs verwirrt klingt, doch zuletzt ganz klar. So haben wir‘s hier bey wiederholten Aufführungen gefunden. Vergessen Sie nicht die Mottos, welche über den Sätzen stehen, auf den Zettel abdruken zu lassen. Es hilft sehr zum Verständnis des Werks. – Leben Sie wohl. Herzliche Grüße an die dortigen Bekannte. Wie immer Ihr Louis Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 22.10.1845. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 26.02.1846.

[1] Vgl. P.B., „Die Enthüllung des Denkmals für Beethoven zu Bonn”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 47 (1845), Sp. 572-576, hier Sp. 574ff.; „Köln, Juli. Das Beethovenfest zu Bonn – Feier der Schlacht von Waterloo”, in: Morgenblatt für gebildete Leser 39 (1845), S. 712; „Notes on the Beethoven Festival”, in: Athenaeum (1845), S. 815f., hier S. 815; F[riedrich] M[elchior] Gredy, „Nachklänge des Beethovenfestes”, in: Caecilia 25 (1845), S. 21-28, hier S. 21f.; „Prussia”, in: Spectator 18 (1845), S. 775f., hier S. 775; „Bonn”, in: Augsburger Postzeitung (1845), S. 909f., hier S. 910

[2] Vgl. Gredy, S. 22.

[3] Vgl. „Schloss Brühl”, in: Berliner musikalische Zeitung 2 (1845), Nr. 34; „Preußen (Köln, 14. Aug.)”, in: Nürnberger Zeitung 12 (1845), Nr. 231.

[4] Vgl. R., „Noch Einiges über das Beethoven-Fest zu Bonn”, in: Sammler 14 (1845), S. 289ff., hier S. 290; „Mosaik”, in: Bohemia (1843), Nr. 101.

[5] Vgl. „Bonn, 13. Aug.”, in: Berliner musikalische Zeitung 2 (1845), Nr. 34; „Notes on the Beethoven Festival”, S. 815; Gredy, S. 23; R., „Noch Einiges über das Beethoven-Fest zu Bonn”, in: Sammler 14 (1845), S. 289ff., hier S. 290.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.10.2015).