Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18451022>

Breslau den 22 October
1845

Hochgeehrtester Freund und Gönner!

Verzeihen Sie gütigst wenn ich meinem letzten Briefe bald noch einen folgen lasse; es betrifft diesmal die Aufführung eines Ihrer bedeutendsten Werke, wozu Ihr gütiger Rath uns nöthig ist. Wir haben nämlich hier 2 verschiedene Abonnementskonzerte 1) das Deutsch’sche Konzert und 2) den Künstlerverein. Für letzteren ist zunächst die Weihe der Töne bestimmt, im Deutschen Konzerte möchten wir aber Ihre 7te Sinfonie für 2 Orchester geben. Es handelt sich nun um die zweckmäßige Placirung beider Orchester, was schwerer im Saale als im Theater, für das Sie wohl zunächst das Werk berechnet haben, ist. Beyde Orchester müssen genau zusammenwirken, sich aber doch auch sondern; vielleicht haben Sie die Güte uns Ihren freundlichen Rath zukommen zu lassen. Neulich ist „Kaiser Adolph von Nassau“ von Marschner hier mit wenig Glück gegeben worden, das 2te mal war es schon ganz leer, wozu auch unser leider jetzt schlechte Zustand der Oper beiträgt. Ich sah die Oper vorigen Winter in Dresden, Marschner war selbst da, doch hat sich auch dort bei guter Besetzung die Oper nicht gehalten. Der Komponist ist hier aus sich herausgegangen und daran hat er wohl nicht gut getan; es ist nicht mehr der Templer-Marschner. Meine neueste (6te) Sinfonie erwarte ich täglich vom Stich aus Leipzig, ich werde sie hier im Deutsch-schen Konzerte und meine 5te im Künstlerverein dirigiren. Beiliegenden Zeitungsartikel1 wollte ich Ihnen schon längst senden, habe es aber vergessen, er enthält die uns von Ihnen bereiteten Festtage in Berlin, vielleicht führt er Ihnen die herrlichen Tage von Neuem ins Gedächtniß. An den von Ihnen in Berlin gespielten Quartetten habe ich mich gestern in der Erinnerung gelabt, ich besitze sie nämlich, (sowie auch die Sinfonien) sämmtlich in Partitur, und da mir mein gutes Gesdächtniß jede Stelle, genau so wie Sie dieselbe gespielt, vorführt, so habe ich. in der Erinnerung fast denselben Genuß; so wie mir der eigentümliche Ton Ihrer Geige so fest im Ohre liegt, daß ich ihn unter hunderten gewiß erkenne. Das Quartett in E-moll2 ist aber auch eines Ihrer schönsten; die größte Klarheit paart sich hier mit Originalität, Schönheit und Kunst, es ist allein werth, daß man nach Kassel reist, um es von Ihnen zu hören. Vielleicht wind mir dies Glück im nächsten Sommer wieder zu Theil, wenigstens soll es an mir nicht liegen, wenn es nicht dazu kommt. Über die Stellung der beiden Orchester im Saale ist in der Partitur Ihrer Sinfonie nichts angegeben, ich möchte wissen, wie Sie es in Leipzig gemacht haben. Im ersten Konzert des Künstlervereins kommt daran: 1) Ouvertüre zu Jessonda, 2) G-dur-Konzert von Beethoven von mir gespielt und 3) 2te Sinfonie in d von Beethoven. Ihre Kreuzfahrer sollen hier auch gegeben werden, wenn es nur nicht bald geschieht, bis unser Personal ein besseres ist. Weiter weiß ich für diesmal nichts zu melden. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin, deren und Ihrer Familie hochachtungsvoll, Schön, Köhler, Mosevius grüßen Sie ergebenst.

Ich bin
hochachtungsvoll
Ihr
dankbarer Verehrer
A. Hesse.

NB. Wiele ist, wie ich höre, gestorben, die Nachricht hat mich unangenehm überrascht, wird nun vielleicht Bott junior berücksichtigt werden?



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 07.10.1845. Spohr beantwortete diesen Brief am 02.11.1845.

[1] Noch nicht ermittelt.

[2] Das einzige e-Moll-Quartett von Spohr ist op. 45.2.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (26.10.2015).