Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18451007>

Breslau d. 7ten October 45

Geehrtester Herr Kapellmeister!

Sehr gern hätte ich mich einiger Zeilen von Ihnen zu erfreuen gehabt, doch mögen Geschäfte oder Kompositionen Sie wohl verhindert haben. Seit Breslau habe ich von Ihnen selbst nichts mehr gehört. Ihre Oper erfreut sich ja fortwährend der Theilnahme, ja, sie gewinnt, wie man liest, der Verehrer immer mehrere, worüber ich mich aufrichtig gefreut habe. Wenn unser Personal nicht besser wird, wie es gegenwärtig ist, so wünsche ich hier keine Aufführung Ihres Werkes; unser Theater ist dermalen in trauriger Verfassung. Für die Konzerte des Künstlervereins hat der Ausschuß, zu dem ich gehöre, bereits ein vorläufiges Programm entworfen, und sind für die ersten Ihre Ouvertüre zu Jessonda, das H-moll Doppelkonzert und die Weihe der Töne angesetzt worden, und werde ich Alles aufbieten, daß die Aufführung dieser Werke eine würdige sei. Das Bonner Komité wird ja in allen Blättern hart mitgenommen, ist denn die Unordnung so gar groß gewesen?1 Ich habe mich über meine Versäumniß dieses Festes jetzt beruhigt, da aber damals ein so großes Lärmen davon gemacht wurde und man mich fortwährend fragte: warum sind Sie nicht in Bonn wo Ihr Meister Spohr dirigirt? und außerdem Alles, was Sie geleitet hatten, mit großer Auszeichnung anerkannt wurde, warf ich mir im Innern meine Saumseligkeit auf das Bitterste vor; zwar konnte ich mich mit den Berliner Festtagen für sehr befriedigt halten, doch der ungenügsame Mensch will immer mehr. Vielleicht ereignet sich im nächsten Jahre etwas Besonderes und gern will ich dahin eilen, wo Sie dirigiren oder spielen. Herrn Rosenkranz grüßen Sie von mir gütigst, er wird Ihnen wohl gelegentlich etwas vororgeln; das zeitgemäße Heben und Liegenlassen der Finger, mit einem Worte, das reine Spiel wollte anfänglich nicht recht gehen, doch hoffe ich, daß er recht bald ein tüchtiger Orgelspieler werden wird. In religiöser Hinsicht ist hier ein bewegtes Leben; unsere Bernhardinkirche ist jetzt auch den Deutsch-Katholiken zum Mitgebrauch eingeräumt worden; bei uns gibt es Römische und Deutsche Katholiken, Pietisten, Lichtfreunde und Altlutheraner, wo das noch Alles hinaus will?2 Weiter wüßte ich nichts zu melden. Mosevius und Köhler empfehlen sich Ihnen hochachtungsvoll, Ihre werte Frau Gemahlin, Familie und sonstige Bekannte bitte ich herzlich zu grüßen, ich bin

hochachtungsvoll
Ihr
ergebenster Verehrer
A. Hesse.

Autor(en): Hesse, Adolph
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Köhler, Ernst
Mosewius, Theodor
Rosenkranz, August
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Jessonda
Spohr, Louis : Konzerte, Vl 1 2 Orch, op. 88
Spohr, Louis : Die Weihe der Töne
Erwähnte Orte: Berlin
Bonn
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1845100731

http://bit.ly/1Nvzgzw

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 13.09.1845. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 22.10.1845.

[1] Vgl. P.B. „Die Enthüllung des Denkmals für Beethoven zu Bonn”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 47 (1845), Sp. 572-576, hier Sp. 572; „Köln, Juli. Das Beethovenfest zu Bonn – Feier der Schlacht von Waterloo”, in: Morgenblatt für gebildete Leser 39 (1845), S. 712.

[2] Vgl. „Aus Oberschlesien”, in: Schlesisches Kirchenblatt 11 (1845), S. 133f.; Z., „Breslau, 17. März”, in: ebd., S. 165; „Breslau, 13. September”, in: ebd., S. 508; C.H., „Die protestantischen Freunde”, in: Warte des Tempels 1 (1845), S. 41f., hier S. 42; „Beleuchtung der Weltlage”, in: ebd., S. 86.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders vermerkt: Karl Traugott Goldbach (26.10.2015).