Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18450822>

Breslau den 22 August 45

Hochgeehrtester Freund!

Durch Herrn Rosenkranz habe ich Ihre werthen Zeilen erhalten; Sie glaubten mich schon früher von ihm und seinem Plane benachrichtigt zu haben, doch hat mir Schön das erste über ihn mitgetheilt. Er hat ein hübsches Talent, indeß sind 4 Wochen, die er nur hier verweilen will eine viel zu kurze Zeit, als daß er in derselben die wahre Art Orgel zuspielen und dafür zu schreiben sich ganz aneignen könnte. Hierzu wäre mindestens 1 Jahr bei seinem Talente erforderlich; was indeß möglich ist, soll geschehen. Ich bin in diesem Augenblick in sehr übler Stimmung, weil ich auf eine so saumselige Art das Musikfest in Bonn versäumt habe, ein Fest das so einzig in seiner Art gewiß nicht mehr wiederkehrt. Als ich die Einladung vom Komité dazu erhielt, wollte ich hingehen, da kommt Ihr erster Brief aus Carlsbad der die unglückliche Nachricht enthält, daß Sie die Einladung zur Direction abgelehnt haben.1 Hätten Sie mir nur im zweiten Briefe, der mir Ihre Reise nach Berlin meldete2, geschrieben, daß Sie dennoch nach Bonn gehen würden, so hätte ich alles darnach eingerichtet. So aber glaubte ich, und mit allem Rechte, daß man in so kurzer Zeit keinen würdigen Direktor mehr finden würde und arrangierte meine Urlaubs-, Geld- und Vertretungsangelegenheiten nur für die wenigen Tage meines Berliner Aufenthalts. In Berlin hörte ich nun von Ihnen, daß Sie dennoch nach Bonn gehen würden, Sie sprachen aber, wie Sie sich erinnern werden, in Meyerbeers und meiner Gegenwart mit so wenigem Vertrauen von der ganzen Sache, und glaubten, die Musik würde nicht gut gehen, daß ich wirklich ganz beruhigt wieder nach Breslau heimkehrte. Hier mußte ich nun lesen, wie schön und großartig Alles gewesen sei, welche Triumphe Sie gefeiert. Sie können sich denken, daß jedes dieser Worte ein Dolchstich für mich, der ich sonst so etwas nie versäume, war. Dazu kommt noch, daß mich Jedermann fragt, warum ich nicht in Bonn war? indem doch Köhler und Mosevius deshalb hingereist seien, man schreibts meinem Mangel an Verehrung für Beethoven zu, und kann nicht begreifen, wie ich ein Fest, das Sie dirigirten, versäumen konnte. Ich begreife es in der That selbst nicht. Diesmal war es wirklich ein Malheur für mich, daß ich so ganz Ihrer Prophezeihung traute, ein aufmunterndes Wort von Ihnen konnte mich sofort zur Reise bewegen. Man hat auch diesmal gar nicht wie bei andern Festen von den großartigen Vorbereitungen gelesen; doch ich muß davon abbrechen, da ich erst gestern Abend in einer Gesellschaft von dem vielen Sprechenhören über diesen Gegenstand, den ewigen Fragen und Vorwürfen so aufgereizt wurde, daß ich kaum zwei Stunden schlafen konnte. Sind Sie nur über diesen unsinnigen Brief nicht böse, es war mir aber Bedürfniß mein Herz gegen Jemand auszuschütten, und da ich von Ihnen, dem ich so viele musikalische Hochgenüsse verdanke, noch am ersten einigen Trost erwarte, behellige ich Sie mit diesen Zeilen. Haben Sie unsern Mosevius persönlich kennen gelernt? Er ist ein Mann, der zu sprechen weiß und hat sich als Director der Singakademie durch vortreffliche Aufführungen großer Werke sehr verdient gemacht. Wird nicht im nächsten Jahre irgendwo ein Musikfest sein, ich möchte mich gern sobald als möglich für das Versäumte entschädigen. Schreiben Sie mir nur doch recht bald, damit ich einigen Trost habe und lachen Sie mich wegen dieser närrischen Zeilen nicht aus.
Ihrer Frau Gemahlin empfehlen Sie mich hochachtungsvoll.

Ich bin
Ihr ergebener Verehrer
A. Hesse.

Autor(en): Hesse, Adolph
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Beethoven, Ludwig van
Köhler, Ernst
Meyerbeer, Giacomo
Mosewius, Theodor
Rosenkranz, August
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Berlin
Bonn
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1845082231

http://bit.ly/1LWxrwn

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Hesse, 02.08.1845. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 13.09.1845.

[1] Vgl. Spohr an Hesse, 07.07.1845.

[2] Vgl. Spohr an Hesse, 11.07.1845.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders vermerkt: Karl Traugott Goldbach (26.10.2015).