Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18450711>

Breslau d. 11ten Juli 45

Mein hochverehrter Freund und Gönner!

Zwei Stunden vor Empfang Ihrer lieben Zeilen las ich in unserer Zeitung1, daß die Aufführung Ihrer Oper in Berlin vertagt sei, indem Sie eine Badereise unternommen haben. Ich hielt dies für ein unverbürgtes Gericht (sic!) bis mir bald darauf durch Sie leider eine zu verbürgte Nachricht zu Theil wurde. Sie können denken, wie ich erschrak, und nur die Ausführlichkeit Ihres Briefes und die gewöhnliche Festigkeit Ihrer Schriftzüge haben mir die beruhigende Gewißheit gegeben, daß Sie Ihrer Genesung entgegen gehen. Es kam mir alles um so unerwarteter, als ich bisher nie daran dachte, eines Ihrer Unternehmen an einem Krankheitsunfalle scheitern zu sehen. Wie freute ich mich auf unser Zusammensein in Berlin, auf Ihre Oper, auf Ihr neues Konzert etc. Mehrere Bresl. Musikfreunde und auch Auswärtige wollten ebenfalls nach Berlin, um Ihr Werk zu hören. Nächsten Montag den 14ten wollte ich abreisen um während der ganzen Dauer Ihres Aufenthalts in Berlin bei Ihnen zu sein. Das ist nun Alles vernichtet. Doch hoffe ich bestimmt, Sie in diesem Jahre noch zu sehen. Wie steht es denn in Dresden? So wie sich irgend etwas ereignet, so bitte ich mir es zu melden und mir überhaupt so bald als möglich eine beruhigende Nachricht, Ihre Gesundheit betreffend, gütigst zukommen zu lassen. Die Musikfestangelegenheit in Oldenburg habe ich morgen in einem kleinen Zeitungsartikel besprochen.2 Alles nimmt hier den lebhaftesten Antheil an Ihnen. Man glaubte sogar, ich würde es in Berlin über Sie vermögen ein paar Tage in Breslau und in unserem schönen Gebirge, wohin man jetzt schnell mit Eisenbahn kommen kann3, zuzubringen. Naß ist jetzt hier und grüßt Sie herzlich, ebenso Koßmaly, Köhler etc. Ihrer Frau Gemahlin empfehlen Sie mich hochachtungsvoll. Das ganze musikalische Breslau wünscht Ihnen mit mir und den Meinigen teilt bald die vollkommenste Herstellung. Denken Sie meiner beim quod fis4 ebenso bei der unfreiwilligen Rutschparthie, die Sie 1838 vom Dreikreutzberg machten, als Sie einen kürzeren Weg einschlugen, und Ihre Füße auf dem glatten Grase keinen festen Tritt gewinnen wollten.5 Entschuldigen Sie diese heiteren Reminiszenzen und leben Sie froh und heiter.

Ich bin wie immer hochachtungsvoll
Ihr ergebener Verehrer
Adolph Hesse

Autor(en): Hesse, Adolph
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Köhler, Ernst
Koßmaly, Carl
Nass, Franz
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 128
Spohr, Louis : Die Kreuzfahrer
Erwähnte Orte: Berlin
Dresden
Karlsbad
Oldenburg
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1845071131

http://bit.ly/1Nvkusu

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Hesse, 07.07.1845. Der Postweg dieses Briefs überschnitt sich mit Spohr an Hesse, 11.07.1845. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 02.08.1845.

[1] Noch nicht ermittelt.

[2] Noch nicht ermittelt.

[3] Vgl. „Niederschlesisch-Märkische Eisenbahn”, in: Eisenbahn-Zeitung 3 (1845), S. 119ff. und 130f. 

[4] Lat.: „was du willst“.

[5] Von Marianne Spohr im Tagebuch nicht erwähnt (vgl. Eintrag 06.07.1838).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (26.10.2015).