Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18450707>

Sr. Wohlgeb
dem königl Preußischen
Musikdirector Herrn
Adolph Hesse
Oberorganist
in Breslau


Carlsbad den 7ten
Juli 1845.

Geliebter Freund,

Sie werden mit Erstaunen das Postzeichen gesehen haben! – Ja leider bin ich seit gestern Abend wieder hier und trinke warmes Wasser bey der unausstehlichen Hitze, anstatt in Berlin meine Oper einzuüben! Vor der Hand habe ich alle meine schönen Pläne aufgeben müssen, um mein Leben zu restauriren. Ich bekam nämlich am Tage des Musikfestes in Oldenburg einen so heftigen Anfall meines alten Übel1, daß der Entschluß: den Rest der Ferienzeit hier zuzubringen, sogleich feststand. Ob die Oper nun doch noch am 25sten oder 26sten in Berlin gegeben werden wird, ist noch unentschieden. Will man die Aufführung bis in den September verschieben, so mache ich noch ein Mal den Versuch, den Urlaub zu einer Reise nach Berlin zu erhalten. Ein Brief von Meyerbeer oder Taubert, den ich hier erwarte, wird darüber bestimmen.
Die Reise begann so vielversprechend! In Bremen2 und Oldenburg3 wurde ich so glänzend und zugleich so herzlich empfangen, daß es mich freudig berühte. Die zum Musikfest versammelten Kräfte aus der Umgegend, aus Bremen und Hannover waren sehr ausgezeichnet und sowohl der Chor wie das Orchester ließen kaum etwas zu wünschen übrig. Es wurde 2 Tage vorher probirt und ging daher ganz vortrefflich. Aber schon beym Beginn der Aufführung fühlte ich die Schmerzen herannahen; doch konnte ich noch mein neues Concert ungestört spielen. Bey der Direction der 5ten Sinfonie und des Vater-Unser wurden die Schmerzen aber so heftig, daß ich es kaum verbergen konnte und mit dem letzten Tact brach ich förmlich zusammen. Am Abend als mir das sämtliche Personal und halb Oldenburg mit Fackeln ein Ständchen brachten, lag ich in so heftigen Krämpfen, daß ich glaubte den Geist aufgeben zu müssen.4 Nie habe ich in einer fürchterlicheren Lage meiner Musik zugehört und verlange, sie so nie wieder zu hören! – Alle Festivitäten, die mir zu Ehren angeordnet waren, mußte ich versäumen; auch eine Einladung zum Diner beym Großherzog konnte ich nicht Folge leisten. Doch sandte er mir einen kostbaren Brillant-Ring den er mir selbst hatte übergeben wollen.5 Die Bremer waren auch über mein Krankheit sehr betreten, denn ich hatte versprochen die Jessonda bey der Rückreise zu dirigiren, wozu es mir nun ganz und gar an Kraft fehlte. So eilten wir eben, sobald es der Arzt erlaubte, hierher und hier hoffe ich wieder für einige Zeit hergestellt zu werden. – In Oldenburg erhielt ich auch eine Einladung des Bonner Musikfest bey Enthüllung der Beethovenschen Statue zu dirigiren, nachgeschickt und die Nachricht, daß zugleich ein Brief an den Prinz und ein zweiter an den Grafen wegen des Urlaubs beygelegt sey. Ich habe aber abgelehnt, weil ich die Sache, die dort gemacht werden sollte, die 9te Sinfonie und die große Messe, nicht liebe und für diese die große Arbeit und Anstrengung nicht übernehmen mag.6
Sollte uns nun in diesem Sommer die Freude, Sie zu sehen, nicht zu Theil werden, so hoffen wir wenigstens auf einen baldigen Brief. Im Falle daß wir im September noch zur Aufführung der Oper nach Berlin reisen, schreibe ich Ihnen im Voraus.
Leben Sie wohl. Die freundlichsten Grüße meiner Frau. Von Herzen stets

der Ihrige
Louis Spohr



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 19.06.1845. Hesse beantwortete diesen Brief am 11.07.1845, dessen Postweg sich mit Spohrs Brief vom 11.07.1845 überschnitt.

[1] Vgl. Marianne Spohr, Tagebuch 26.06.1845.

[2] Vgl. ebd. 21.06.1845.

[3] Vgl. ebd. 23.06.1845.

[4] Vgl. ebd. 26.06.1845.

[5] Vgl. ebd. 28.06.1845.

[6] Schließlich nahm Spohr die Einladung doch noch an.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (22.10.2015).