Autograf: nicht ermittelt
Druck 1: Sokolowski, „Zwei unbekannte Briefe Spohrs“, in: Münchener Neueste Nachrichten [???]
Druck 2: „Zwei unbekannte Briefe Spohrs“, in: Casseler Allgemeine Zeitung (1899), Nr. 163, Bl. II
Druck 3: „Neues zur Spohr-Literatur“, in: Casseler Tageblatt und Anzeiger (1899), Nr. 165, Bl. II

Cassel den 14. Mai 1845

Lieber Herr Böhme!

Schon längst hätte ich Ihnen für Ihren freundlichen Glückwunsch zu meinem Geburtstage gedankt, hätte mich nicht ein längeres Unwohlsein an der Grippe daran gehundert. Nun ganz wieder hergestellt, beeile ich mich, Ihnen zu melden, daß ich Ihrer fortwährend gedenke und gewiß nichts versäumen werde, wenn sich mir Gelegenheit darbiethen sollte, Sie zu einer für Sie passenden Stelle zu empfehlen. Leider giebt es der Bewerber um vacante Stellen immer mehr und mehr, so daß es in Deutschland selbst ausgezeichneten Kräften recht schwer fällt, eine Anstellung zu finden. Ich bemerke daß an den vielen Zuschriften, die ich in dieser Beziehung aus allen Gegenden Deutschland erhalte. Doch wir wollen das Beste hoffen! Unverhofft kommt oft!
Mit geht es im ganzen genommen recht gut, und obgleich in nun das 62. Jahr angetreten habe, so fühle ich doch noch keine merkliche Abnahme der Körper- und Geisteskräfte. So habe ich im vergangenen Winter noch zweimal Solo gespielt und nach Vollendung der Oper bereits wieder außer einigen kleineren Compositionen ein neues Violinconcert (das 15te) und ein neues Quintett geschrieben. Meine Dienstverhältnisse sind aber immer noch dieselben, und so habe ich in neuerer Zeit wieder auf mehrere interessante Reisen verzichten müssen, weil ich außer der Ferienzeit keinen Urlaub bekommen konnte. Am schmerzlichsten war mir, eine Einladung, das erste Amerikanische Musikfest in Newyork zu leiten, ablehnen zu müssen, da ich dabey meine Tochter Emilie wiedergesehen haben würde.1 Doch war die Urlaubsverweigerung nicht das einzige Hinderniß, sondern auch die Abneigung meiner Frau vor Seereisen. Auch zu dem Musikfest in Norwich, wo mein Oratorium „Des Heilands letzte Stunden“ dieses Jahr gegeben wird, habe ich die Einladung ablehnen müssen.2 Dagegen werde ich mit meiner Frau in der Ferienzeit, zuerst nach Oldenburg zu einem Musikfest, wo ausschließlich Compositionen von mir gegeben werden3, davon nach Dresden4 und Berlin5, wo ich an beyden Orten die ersten Aufführungen meiner neuen Oper (s.o.) leitern werde, reisen und diese Ausflüge können mir, Gott sey Dank, nicht verwehrt werden!
In diesem Augenblick ist Herr Heisterhagen zum Besuch hier. Er scheint mit seiner Stellung in Winterthur ganz zufrieden zu seyn. Wie ich höre, ist er mit der Clavierlehrerin Frln. Steinmetz von hier verlobt; ob ihm aber seine Stellung in der Schweiz schon erlaubt zu heirathen weiß ich nicht.
Leben Sie wohl. Geben Sie mir von Zeit zu Zeit Kunde von Ihrem Aufenthalt, damit ich, wenn das Glück mir so günstig wäre, etwas für Sie zu finden, Sie gleich benachrichtigen kann. Meine Frau läßt sich Ihnen empfehlen. Mit wahrer Hochachtung ganz der Ihrige
Louis Spohr.



Die Wiedergabe folgt hier Druck 2 und 3, da Druck 1 noch nicht ermittelt ist (diese unvollständige Quellenangabe folgt Druck 2 und 3).

[1]Vgl. Spohr an Ureli Corelli Hill, 04.01.1845; Spohr an Emilie Zahn, 06.06.1845.

[2] Vgl. Edward Taylor an Spohr, 17.04.1845.

[3] Vgl. Spohr an August Pott, 05.01.1845.

[4] Vgl. Joseph Tichatschek an Spohr, 14.01.1845.

[5] Vgl. Giacomo Meyerbeer an Spohr, 20.02.1845.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.05.2020).