Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18450409>

Sr. Hochwohlgeboren
Herrn Dr. Louis Spohr, Kurfürstl
Hofkapellmeister, Ritter etc.
in
Cassel

durch Einschluß.


Breslau d. 9 April 45.

Hochgeehrtester Freund und Gönner!

Herr Regimentsarzt Dr. Hager ersuchte mich um diese Zeilen an Sie. Seine Tochter1, Schülerin von Mosevius und Gentiluomo ist in Königsberg engagirt gewesen und hat den Wunsch in Cassel aufzutreten. Sie besitzt eine sehr umfangreiche Stimme von bedeutender Kraft, singt korrect und schulgerecht und dürfte eine annehmbare Aquisition sein. Ihre Gestalt ist wahrhaft imponirend, ich möchte sagen, sie ist eine weibliche Spohr, (bitte mir das nicht übel zu deuten) dabei ist sie ein höchst achtungswerthes moralisch gutes Mädchen, die gleich bei dem ersten Anblicke für sich einnimmt. Sie hat ein sehr reichhaltiges Repertoire und den Herzenswunsch unter Ihrer Leitung zu stehen und Ihren Beifall zu erringen.
Wie steht es mit Ihren Reisen? Wo werde ich Ihre Oper zuerst unter Ihrer Direktion hören, in Dresden oder Berlin, Schreiben Sie mir bald gütigst darüber, damit ich meinen Finanzminister in Kenntniß setzen kann. Am Charmittwoch wurde hier das Stabat mater von Rossini gegeben. Die Komposition macht sich, abstrahirt man vom Text und der Kirche, recht gut und bekundet Rossinis Talent. Meine 6te Sinfonie wird bei Breitkopf u. Härtel gestochen. In unsern Konzerten sind im vergangenen Winter ungemein viele Ihrer Kompositionen gegeben worden. Am Grün-Donnerstag war wie gewöhnlich die Schöpfung von 400 Personen ausgeführt.
Erfreuen Sie mich recht bald mit einem Schreiben und empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin und übrigen Familie, so wie allen lieben Bekannten.

Ich hin
hochachtungsvoll
Ihr Verehrer
Adolph Hesse.

Hr. Kosmaly, früher Kapellmeister in Detmold, den Sie auch kennen, lebt seit einiger Zeit hier bei seinen Verwandten.



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 18.01.1845. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 07.06.1845.

[1] Vermutlich die in Mosevius’ Breslauer Singakademie als Solistin aufgetretene Maria Hager (vgl. Joh[ann] Theod[or] Mosevius, Die Breslauische Sing-Akademie in den ersten fünfundzwanzig Jahres ihres Bestehens, Breslau 1850, S. 38 und 63). 

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (22.10.2015).