Autograf: letzter Nachweis siehe Faksimile 2
Faksimile 1: Autograph Letters and Historical Documents (= Katalog Maggs Bros. 551), London 1930, Plate XVI (nur zweite Seite)
Faksimile 2: Music. Early Books, Manuscripts and Autographs (= Katalog Maggs Bros. 557), London 1931, S. 120 (nur zweite Seite)
Abschrift: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth (D-BHna), Sign. I B n S, Nr. 21
Druck 1: „Wagneriana”, in: Allgemeine deutsche Musik-Zeitung 10 (1883), S. 420f. (teilweise)
Druck 2: Autographensammlung Ignaz Moscheles und Reserve Alfred Bovet bestehend zum größten Teil aus wertvollen Musikmanuskripten und Musikerbriefen. Versteigerung am 17. u. 18. November 1911 (= Katalog Liepmannssohn 39), Berlin 1911, S. 140 (teilweise)
Druck 3: Richard Wagners Gesammelte Briefe, hrsg. v. Julius Kapp und Emerich Kastner, Bd. 2, Leipzig 1914, S. 146ff.
Druck 4: Autograph Letters and Historical Documents (= Katalog Maggs Bros. 551), London 1930, S. 203 (teilweise, engl. Übers.)
Druck 5: Music. Early Books, Manuscripts and Autographs (= Katalog Maggs Bros. 557), London 1931, S. 121 (teilweise, engl. Übers.)
Druck 6: Richard Wagner, Sämtliche Briefe, Bd. 2, hrsg. v. Gertrud Strobel und Werner Wolf, Leipzig 1980, S. 421ff.

Hochgeehrtester Meister,

vor allen Dingen muss ich demüthigst um Entschuldigung bitten, wenn ich auf einen mir so ungemein werthvollen Brief, als es der kürzlich von Ihnen erhaltene war, erst so spät antworte, trotzdem die Nachschrift desselben eine schnelle Beantwortung erforderte; aber gerade dieser Punkt – meine Nichte betreffend, war es, der mich zum Zögern verleitete: ihre hiesigen Engagements-Verhältnisse waren nämlich der Art, dass sie gerade jetzt einer Entscheidung unterlagen, die eben erst in diesen Tagen sich dahin herausgestellt hat, dass sie auf längere Zeit Dresden angehört. Sehr schmeichelhaft war für sie die Beachtung, die ihrem Talente von Cassel aus zu Theil geworden ist u. sie hat sich sehr für die gute Meinung zu bedanken, die sich dadurch für sie ausspricht. Da Sie wünschen, selbst für den Fall, dass meine Nichte hier gebunden sei, Ihnen über sie zu berichten, so füge ich bei, dass ich selbst wirklich froh bin, endlich ein junges Talent gefunden zu haben, wie sie leider jetzt so sehr selten sind, wie sie aber dem deutschen Opern-Componisten noth thun, ich habe, als ich sie hierher zog, rein aus Rücksichten für unsere Oper, nicht im Mindesten aber aus verwandtschaftlicher Fürsprge gehandelt. Das Mädchen ist 18 Jahre alt, schlank und auf dem Theater zumal von grosser jugendlicher Schönheit; der Kern ihrer Stimme ist ein ausgezeichneter Mezzo-Sopran, für die Kraft ist aber die vollste Sopran-Höhe da, die sich, behutsam von ihrem Vater gepflegt, jedoch auch immer leichter zu entwickeln verspricht. Ich gestehe nun, eine schönere Stimme noch nicht gehört zu haben, was mich aber besonders freut, ist das Gefühl, die Wärme und das dramatische Geschick, wodurch sich schon jetzt ihre Leistungen auszeichnen.1 Ein Glück ist es nun, dass sie hier noch die Devrient, die in ihrer Art doch immer noch unerreicht bleibt, hören und sehen kann, um sich an ihren Vorzügen zu bilden. - <Soviel von ihr, da Sie etwas von ihr zu erfahren wünschten. - Leider bin ich noch nicht dazu gekommen, Ihre hier angelangte Partitur studiren zu können, da bei der Vertheilung unserer Funktionen es sich gerade jetzt so trifft, dass ich unausgesetzt und zwar auf das Anstrengendste beschäftigt bin zu einer Zeit, wo ich so gerne gänzlich frei wäre, um ungestört die Instrumentation meiner neuen Oper beendigen zu können. Ich muss mir dies grosse Vergnügen (- wenn dies Wort nicht zu trivial ist!) durchaus bis nach der Osterwoche aufsparen, wo ich ungestört einige Abende dazu verwenden will; denn nichts ist mir widerlicher als ein bedeutendes Kunstwerk, eben wenn es ein Ganzes ist, so im Fluge zu durchstöbern; dazu bedarf ich der Sammlung u. eines gewissen Behagen‘s, das bei leidenschaftlichen Naturen leider so selten zu gewinnen ist. Mit wahrer Inbrunst wünsche ich Ihrem Werke auch hier einen recht grossen Erfolg – aus ach! unendlich vielen Gründen – vor allem aber mit aus dem Grunde, dass der Geschmack unseres deutschen Opern-Publikums sich aus einer ekelhaften Versunkenheit heben möge! Wer doch Alles mit daran ziehen helfen könnte! Wer würdig dazu werden will, muss, glaube ich, vor allen Dingen der Hoffnung – reich zu werden, gründlich entsagen: nur wer gänzlich darüber abschließt, wer sich mit dem begnügt was er hat, u. nur den lieben Gott aus sich reden lässt, unbekümmert um Procente dem kann es mit gelingen – u. vor dem bekommt am Ende auch noch das leichtsinnige Volk in den Logen Respect. Wer so denkt u. gedacht hat, wird wohl vom Alter nicht viel zu fürchten haben: mögen die das Alter fürchten, deren Productionskraft in der Sinnlichkeit beruhte! Für mich ist nichts natürlicher, als daß ein Rossini, ein Auber mit den grauen Haaren auch langweilig wurden: mit der Impotenz der Sinne mußte bei Ihnen wohl auch der Geist impotent werden. Was aber haben Männer wie Sie von der Reife der Jahre zu fürchten? Gott erhalte uns diese Alten, bei unserer Jugend sieht es noch nach nichts Rechtem aus! ->
Sehr leid thut es mir, dass mir wahrscheinlich nicht die Ehre zu Theil werden wird, mit dem Studium Ihrer Oper beauftragt zu werden, da ich ärztlichem Rathe zufolge, diesen Sommer ein Bad besuchen muss, wozu mir aus vielen Rücksichten der Monat Juni als der geeignetste erscheinen musste. Da nun die Oper im Juli gegeben werden soll, müssen die Vorstudien jedenfalls schon im Juni beginnen, wie denn auch gerechnet werden musste u. meinem Collegen Reissiger wird daher die Sorge dafür obliegen müssen. Jedenfalls aber komme ich Anfangs Juli nach Dresden zurück und hoffe diesen ganzen Monat über Ihren so sehnlich gewünschten persönlichen Umgang geniessen zu können. Dass ich mich auf diese Zeit wie auf ein grosses, grosses Glück freue, brauche ich Ihne wohl nicht noch wiederholentlich zu versichern: wären Sie auch nicht der grosse Mann, der Sie sind, so sind Sie mir als ein so liebenswürdiger Mensch entgegengekommen, dass mich schon diese Erscheinung mit der dankbarsten Liebe u. Verehrung erfüllen müsste. Also, mein innigst verehrter Meister, auf das Glück, Sie bald Auge in Auge begrüssen zu können!
Bis dahin möge Sie Gott wohl u. gesund erhalten, damit Sie in unserem reizenden Dresden recht rüstig und wohlgemuth einem schönen Triumphe entgegengehen können!
Mit steter Dankbarkeit und Ergebenheit

der Ihrige
Richard Wagner.

Dresden, 4. März 45.

Autor(en): Wagner, Richard
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Auber, Daniel-François-Esprit
Reißiger, Carl Gottlieb
Rossini, Gioachino
Schröder-Devrient, Wilhelmine
Wagner, Johanna
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Die Kreuzfahrer
Wagner, Richard : Tannhäuser
Erwähnte Orte: Dresden
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Dresden>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1845030443

http://bit.ly/2gaWDbr

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Wagner, 11.02.1845. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Wagner, 14.07.1845.
Der Text folgt hier Druck 1, mit Ausnahme der mit dreieckigen Klammern < > markierten zweiten Briefseite, die nach dem Faksimile transkribiert ist. Die Abweichungen beschränken sich freilich auf die Auflösung des „ß“ als „ss“ und wenige Satzzeichen.

[1] Vgl. dagegen Wise [d.i. Julius Schladebach], „Dresden. Die Oper“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 47 (1845), Sp. 240-244, 253-256, 345-349 und 359-362, hier Sp. 242, 255, 347 und 349; Julius B., „Kaiser Adolph von Nassau […] im Hoftheater zu Dresden am 5. Januar 1845 zum ersten Male aufgeführt“, in: Neue Zeitschrift für Musik 22 (1845), S. 25ff., hier S. 27; F.W.M., „Aus Dresden“, in: ebd. 23 (1845), S. 68, 71f., 84 und 92, hier S. 72.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (24.08.2017).

Soviel von ihr, da Sie etwas von ihr zu erfahren wünschten. - Leider bin ich noch nicht dazu gekommen, Ihre hier angelangte Partitur studiren zu können, da bei der Vertheilung unserer Funktionen es sich gerade jetzt so trifft, dass ich unausgesetzt und zwar auf das Anstrengendste beschäftigt bin zu einer Zeit, wo ich so gerne gänzlich frei wäre, um ungestört die Instrumentation meiner neuen Oper beendigen zu können. Ich muss mir dies grosse Vergnügen (- wenn dies Wort nicht zu trivial ist!) durchaus bis nach der Osterwoche aufsparen, wo ich ungestört einige Abende dazu verwenden will; denn nichts ist mir widerlicher als ein bedeutendes Kunstwerk, eben wenn es ein Ganzes ist, so im Fluge zu durchstöbern; dazu bedarf ich der Sammlung u. eines gewissen Behagen‘s, das bei leidenschaftlichen Naturen leider so selten zu gewinnen ist. Mit wahrer Inbrunst wünsche ich Ihrem Werke auch hier einen recht grossen Erfolg – aus ach! unendlich vielen Gründen – vor allem aber mit aus dem Grunde, dass der Geschmack unseres deutschen Opern-Publikums sich aus einer ekelhaften Versunkenheit heben möge! Wer doch Alles mit daran ziehen helfen könnte! Wer würdig dazu werden will, muss, glaube ich, vor allen Dingen der Hoffnung – reich zu werden, gründlich entsagen: nur wer gänzlich darüber abschließt, wer sich mit dem begnügt was er hat, u. nur den lieben Gott aus sich reden lässt, unbekümmert um Procente dem kann es mit gelingen – u. vor dem bekommt am Ende auch noch das leichtsinnige Volk in den Logen Respect. Wer so denkt u. gedacht hat, wird wohl vom Alter nicht viel zu fürchten haben: mögen die das Alter fürchten, deren Productionskraft in der Sinnlichkeit beruhte! Für mich ist nichts natürlicher, als daß ein Rossini, ein Auber mit den grauen Haaren auch langweilig wurden: mit der Impotenz der Sinne mußte bei Ihnen wohl auch der Geist impotent werden. Was aber haben Männer wie Sie von der Reife der Jahre zu fürchten? Gott erhalte uns diese Alten, bei unserer Jugend sieht es noch nach nichts Rechtem aus! -

Hochgeehrtester Meister,

vor allen Dingen muss ich demüthigst um Entschuldigung bitten, wenn ich auf einen mir so ungemein werthvollen Brief, als es der kürzlich von Ihnen erhaltene war, erst so spät antworte, trotzdem die Nachschrift desselben eine schnelle Beantwortung erforderte; aber gerade dieser Punkt – meine Nichte betreffend, war es, der mich zum Zögern verleitete: ihre hiesigen Engagements-Verhältnisse waren nämlich der Art, dass sie gerade jetzt einer Entscheidung unterlagen, die eben erst in diesen Tagen sich dahin herausgestellt hat, dass sie auf längere Zeit Dresden angehört. Sehr schmeichelhaft war für sie die Beachtung, die ihrem Talente von Cassel aus zu Theil geworden ist u. sie hat sich sehr für die gute Meinung zu bedanken, die sich dadurch für sie ausspricht. Da Sie wünschen, selbst für den Fall, dass meine Nichte hier gebunden sei, Ihnen über sie zu berichten, so füge ich bei, dass ich selbst wirklich froh bin, endlich ein junges Talent gefunden zu haben, wie sie leider jetzt so sehr selten sind, wie sie aber dem deutschen Opern-Componisten noth thun, ich habe, als ich sie hierher zog, rein aus Rücksichten für unsere Oper, nicht im Mindesten aber aus verwandtschaftlicher Fürsprge gehandelt. Das Mädchen ist 18 Jahre alt, schlank und auf dem Theater zumal von grosser jugendlicher Schönheit; der Kern ihrer Stimme ist ein ausgezeichneter Mezzo-Sopran, für die Kraft ist aber die vollste Sopran-Höhe da, die sich, behutsam von ihrem Vater gepflegt, jedoch auch immer leichter zu entwickeln verspricht. Ich gestehe nun, eine schönere Stimme noch nicht gehört zu haben, was mich aber besonders freut, ist das Gefühl, die Wärme und das dramatische Geschick, wodurch sich schon jetzt ihre Leistungen auszeichnen. Ein Glück ist es nun, dass sie hier noch die Devrient, die in ihrer Art doch immer noch unerreicht bleibt, hören und sehen kann, um sich an ihren Vorzügen zu bilden. - Soviel von ihr, da Sie etwas von ihr zu erfahren wünschten. - Leider bin ich noch nicht dazu gekommen, Ihre hier angelangte Partitur studiren zu können, da bei der Vertheilung unserer Funktionen es sich gerade jetzt so trifft, dass ich unausgesetzt und zwar auf das Anstrengendste beschäftigt bin zu einer Zeit, wo ich so gerne gänzlich frei wäre, um ungestört die Instrumentation meiner neuen Oper beendigen zu können. Ich muss mir dies grosse Vergnügen (- wenn dies Wort nicht zu trivial ist! -) durchaus bis nach der Osterwoche aufsparen, wo ich ungestört einige Abende dazu verwenden will; denn nichts ist mir widerlicher als ein bedeutendes Kunstwerk, eben wenn es ein Ganzes ist, so im Fluge zu durchstöbern, dazu bedarf ich der Sammlung u. eines gewissen Behagens, das bei leidenschaftlichen Naturen leider so selten zu gewinnen ist.
Mit wahrer Inbrunst wünsche ich Ihrem Werke auch hier einen recht grossen Erfolg – aus ach! unendlich vielen Gründen – vor allem aber mit aus dem Grunde, dass der Geschmack unseres deutschen Opern-Publikums sich aus einer ekelhaften Versunkenheit heben möge! Wer doch Alles mit daran ziehen helfen könnte! Wer würdig dazu werden will, muss, glaube ich, vor allen Dingen der Hoffnung – reich zu werden, gründlich entsagen: nur wer gänzlich darüber abschliesst, wer sich mit dem begnügt was er hat, u. nur den lieben Gott aus sich reden lässt, unbekümmert um Procente, dem kann es mit gelingen – u. vor dem bekommt am Ende auch noch das leichtsinnige Volk in den Logen Respect. Wer so denkt u. gedacht hat, wird wohl vom Alter nicht viel zu fürchten haben: mögen die das Alter fürchten, deren Productionskraft in der Sinnlichkeit beruhte. Für mich ist nichts natürlicher, als dass ein Rossini, ein Auber mit den grauen Haaren auch langweilig wurden: mit der Impotenz der Sinne musste bei Ihnen wohl auch der Geist impotent werden. Was aber haben Männer wie Sie von der Reife der Jahre zu fürchten? Gott erhalte uns diese Alten, bei unserer Jugend sieht es noch nach nichts Rechtem aus! -
Sehr leid thut es mir, dass mir wahrscheinlich nicht die Ehre zu Theil werden wird, mit dem Studium Ihrer Oper beauftragt zu werden, da ich ärztlichem Rathe zufolge, diesen Sommer ein Bad besuchen muss, wozu mir aus vielen Rücksichten der Monat Juni als der geeignetste erscheinen musste. Da nun die Oper im Juli gegeben werden soll, müssen die Vorstudien jedenfalls schon im Juni beginnen, wie denn auch gerechnet werden musste u. meinem Collegen Reissiger wird daher die Sorge dafür obliegen müssen. Jedenfalls aber komme ich Anfangs Juli nach Dresden zurück und hoffe diesen ganzen Monat über Ihren so sehnlich gewünschten persönlichen Umgang geniessen zu können. Dass ich mich auf diese Zeit wie auf ein grosses, grosses Glück freue, brauche ich Ihne wohl nicht noch wiederholentlich zu versichern: wären Sie auch nicht der grosse Mann, der Sie sind, so sind Sie mir als ein so liebenswürdiger Mensch entgegengekommen, dass mich schon diese Erscheinung mit der dankbarsten Liebe u. Verehrung erfüllen müsste. Also, mein innigst verehrter Meister, auf das Glück, Sie bald Auge in Auge begrüssen zu können!
Bis dahin möge Sie Gott wohl u. gesund erhalten, damit Sie in unserem reizenden Dresden recht rüstig und wohlgemuth einem schönen Triumphe entgegengehen können!
Mit steter Dankbarkeit und Ergebenheit

der Ihrige
Richard Wagner.

Dresden, 4. März 45.