Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18450118>
Druck: Louis Spohr, Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 289f. (teilweise)

Sr. Wohlgeb
Herrn Oberorganist Hesse
Königl. Preußischer Mu-
sikdirector in
Breslau


Cassel den 18ten Januar
1845.

Geehrter Freund,
Die etwas sehr moderne Violincomposition von Schoen, habe ich durchgesehen, ihm meine Anmerkungen darüber geschrieben, und Brief und Paquet an seine Schwiegermutter1 zur Weiterbeförderung abgeben lassen.
Herzlich habe ich mich der Nachricht gefreut, daß Ihre Sinfonie in Leipzig so viel Beyfall gefunden hat und daß sie mit der Ausführung zufrieden waren. Auch mir ist kürzlich eine ähnliche Genugthuung zu Theil geworden, indem meine neue Oper auf eine, für unsere Kräfte, höchst ausgezeichnete Weise zwei Mal gegeben und mit einer, hier ganz beyspiellosen Theilnahme aufgenommen wurde.2 Zweierlei freut mich dabey besonders, erstlich daß mich meine Erwartung, das Sujet der Oper bearbeitet, werde von großer und allgemeiner Wirkung seyn, nicht täuschte und zweitens, daß der Styl dieser Oper, so abweichend von dem der modernen Oper und selbst meiner eigenen, auf das Publikum, welches doch nur dem kleinenern Theile nach aus musikalisch gebildeten Zuhörern besteht, einen so tiefen und nachhaltigen Eindruck machte. Ich schrieb das der Wahrheit meiner Musik zu, die nur die Situation ganz wiederzugeben strebt und allen Flitterstaat der neuern Opernmusik als Coloraturen, Instrumentensoli‘s und Lärmeffekte verschmäht. Ferner habe ich mich außerordentlich gefreuet, daß die Sänger, die in ihren Parthien von alle dem, was ihnen gewöhnlich den Applaus des großen Publikums verschaft, nichts fanden, demohngeachtet mit jeder Probe eine größere Theilnahme daran zeigten und mit einem Eifer studirten, den ich früher gar nicht an ihnen gekannt habe. Allein der Erfolg hat auch gezeigt, daß dieser Gesang, der jedem so bequem liegt und Gelegenheit gibt, die besten Töne hören zu lassen so wie die Masse von Gefühl und Ausdruck, deren jeder fähig ist, ein sehr dankbare ist, denn nach mir sind unsere Sänger so beklatscht worden und nach der 2ten Vorstellung wurden sie sämtlich gerufen. – Ich werde die Freude haben, meine Oper bey der nächsten Ferienreise in Dresden zu hören und bin eingeladen worden, sie selbst zu dirigiren, könnten Sie alldann doch auch dorthin kommen und wir einige Tage recht in Musik zusammen leben.3
Da ich nun anfange, die Oper den bedeutendern Theatern anzutragen und nicht weiß, wie Ihr Breslauer Theaterdirector heißt, so bitte ich Sie, ihn von der Existenz derselben in Kenntnis zu setzen. Den Preis einer Abschrift der Partitur und des Texts habe ich für die Hoftheater auf 20 Friedrichsd‘or angesetzt; den Provinzialtheatern werde ich gern einen noch etwas herabgesetzten bewilligen. Der Clavierauszug wird wohl schon zur Ostermesse bei Schuberth in Hamburg erscheinen.
Leben Sie wohl. Die freundlichsten Grüße Ihrer hiesigen Bekannten.

Mit wahrer Freundschaft stets
Ihr
Louis Spohr

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Hesse, Adolph
Erwähnte Personen: Schoen, Moritz
Schuchard (Madame)
Erwähnte Kompositionen: Hesse, Adolph : Sinfonien, op. 75
Spohr, Louis : Die Kreuzfahrer
Erwähnte Orte: Dresden
Kassel
Leipzig
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1845011801

http://bit.ly/1kuG2vK

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 10.01.1845. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 09.04.1845.

[1] Madame Schuchard (vgl. Vorbrief).

[2] Vgl. O[tto] K[raushaar], „Cassel, im Januar 1845”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 47 (1845), Sp. 256-260, hier Sp. 258

[3] Die Aufführung in Dresden kam nicht zustande (vgl. Wolfram Boder, Die Kasseler Opern Louis Spohrs. Musikdramaturgie im sozialen Kontext, Kassel 2007, Bd. 1, S. 341ff).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (22.10.2015).

daß meine neue Oper auf das Publikum, welches doch nur dem kleineneren Theile nach aus musikalisch gebildeten Zuhörern besteht, einen so tiefen nachhaltigen Eindruck machte, schreibe ich der Wahrheit meiner Musik zu, die nur die Situation ganz wiederzugeben strebt, und allen Flitterstaat der neuern Opernmusik als Coloraturen, Instrumenten-Soli‘s und Lärmeffekte verschmäht. Auch habe ich mich außerordentlich gefreut, daß die Sänger, die in ihren Parthien von alle dem, was ihnen gewöhnlich den Applaus des großen Publikums verschaft, nichts fanden, demungeachtet mit jeder Probe eine größere Theilnahme daran zeigten und mit einem Eifer studirten, den ich früher gar nicht an ihnen gekannt habe. Allein der Erfolg hat auch gezeigt, daß dieser Gesang, der Jedem so bequem liegt und Gelegenheit gibt, die besten Töne hören zu lassen, dessen Jeder fähig ist, ein sehr dankbare ist, denn nach mir sind unsere Sänger so beklatscht worden und nach der zweiten Vorstellung wurden sie sämmtlich gerufen.