Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Kossmaly:6

Sr Wohlgeboren
Herrn HofCapellmeister
Dr Louis Spohr
in
Cassel

frei


Detmold. d. Novbr 1844

Hochverehrter Herr!

Endlich – Gottlob! Wird es mit möglich, mein bisheriges (versteht sich) unfreiwilliges Stillschweigen gegen Sie zu brechen, und Ihnen für Ihre beiden herrlichen Schreiben, von denen namentlich das zum 1st Nov. mir unendliche Freude bereitet hat, meinen herzlichsten und innigsten Dank zu sagen, wovon ich bis jetzt theils durch die, durch mein Concert veranlaßten Geschäfte, theils durch eine nicht ganz unbedeutende Unpäßlichkeit verhindert war.
Ueber den pecuniairen Erfolg des erstern kann ich eigentlich nicht klagen, da es sehr besucht war, so daß ich eine brauchbare Einnahme hätte machen können, wenn nicht die hier üblichen niedrigen Preise, von denen man hier beileibe nicht abgehen darf, dies verhindert hätten. –
Ich will Sie, hochverehrter Meister, nicht mit der Schilderung des gewaltigen und nachhaltigen Eindrucks, den ihr langersehntes, gütiges Urtheil über meine Komposit.1 bei mir hervorgebracht, ermüden; nur soviel erlaube ich mir zu bemerken, daß es für mich eine unversiegliche Quelle höchsten, reinsten Glücks u. der Ermuthigung, der Aufmunterung, so wie ein steter Impuls zum beharrlichen Weiterstreben ist u. bleiben wird. Namentlich hat das, was Sie über die Ballade geäußert mich hoch erfreut, weil aus der Haltung, Ausführlichkeit des Ganzen unverkennbar es hervor geht, welch genauer und gründlicher Durchsicht Sie das Werkchen gewürdigt haben. Was den im Allgemeinen darüber ausgesprochenen, ob auch leisen, so doch fühlbaren Tadel betrifft, so will ich aufrichtig gestehen, daß mich dabei einigermaßen der Gedanke tröstet, daß Sie vom Standpunkt des Dillettantismus, der Dillettanten, aus geurtheilt haben, die ich in der That bei2 der Composition wenig oder gar nicht im Auge hatte, da ich nur darauf bedacht war, dem mich mächtig anregenden Gedicht u. dessen innerstem poetischen Kern möglichst gerecht zu werden – – doch fürchte ich sehr, daß diese Art, d'envisager les choses3 am Ende nur eine leere, chimärische Ausflucht, eine illusionische (Rettungs) Hintertreppe, kurz ein sophistisches Flittergold seyn möchte, womit man zu viel an sich die uns verabreichten kritischen Pillen zu übertünchen liebt. Unbedingt und uneingeschränkt unterwerfe ich mich, verehrtester Meister, Ihrem Richterspruch in Bezug auf die gerügte, schwere Begleitung u. rufe aus vollem, überzeugten Herzen ein reumüthiges „Pater peccari“4! Was ich vielleicht hier noch zu meinen Gunsten geltend machen könnte, dürfte5 einzig der Umstand seyn, daß jene Schwierigkeiten keinen gesuchten, willkührlichen u. absichtlich, ohne Noth herbeigeführten sind, sondern vielmehr aus dem Gedanken selbst u. dessen Entwicklung, Durchsetzung u. logischen Durchführung entspringen, was mir z.B. bei den kürzlich erst erschie neuen6 Liedern des Hrn. Franz Liszt, auf deren Begleitung überall die Ostentation und Praetention des Virtuosen hervorsticht, nicht der Fall zu seyn scheint. – In Betreff der mir gütigst angezeigten Vacanz in Weimar, wodurch ich mich neuerdings Ihnen zu hohem Dank verpflichtet fühle, habe ich mich gleich nach Empfang der Nachricht dort hin gewandt bis jetzt aber noch keine Antwort erhalten. Wenn es sich bestätigt, wie Biberhofer in s. letzten Schreiben auszudrücken scheint, daß Sie bereits sich dort in meinem Interesse zu verwenden so freundlich waren, so darf ich wohl geruhig u. mit bedeutender Wahrscheinlichkeit einen guten Erfolg meiner Bewerbung von dort erwarten. –
H. Appel hat noch immer nichts von sich hören lassen – – ! Ich kann mir das Benehmen, dessen Würdigung u. Bezeichnung ich mich hier enthalten will, durchaus nicht erklären – Wüßte ich nur, ob von einem längern Behalten d. Manuskripts von Seiten des Verlegers auf die gewißere Annahme des erstern zu schließen wäre, so wollte ich mich noch dabey beruhigen – Aber so – che far, che dir in tal fatal momento7!? – –
In der frohen Erwartung, bald wieder einige freundliche Zeilen von Ihnen zu erhalten verbleibe ich mit aufrichtiger, hoher Verehrung

Ihr
ergebenster
C. Kossmaly.

Autor(en): Koßmaly, Carl
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Appel, Wilhelm
Biberhofer, Eduard
Erwähnte Kompositionen: Koßmaly, Carl : Das Grab des Dichters
Koßmaly, Carl : Lieder, Ten Klar Kl, op. 8
Liszt, Franz : Buch der Lieder
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Weimar>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1844111443

http://bit.ly/2NdHx4X

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Koßmaly, 27.10.1844 und 01.11.1844. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Koßmaly an Spohr, 13.03.1852.

[1] Hier gestrichen: „auf“.

[2] „bei“ eingefügt über gestrichenem „während“.

[3] „d'envisager les choses“ (frz.) = „die Dinge in Betracht ziehen“.

[4] „Pater peccari“ (lat.) = „Vater, ich habe gesündigt“.

[5] Hier gestrichen: „viell“.

[6] Zwischen „erschie“ und „neuen“ befindet sich ein Zeilenumbruch, möglicherweise wollte Koßmaly zunächst „erschie-nenen“ schreiben und hat dann das „nenen“ durch Einfügung eines u-Strichs zu „neuen“ gemacht.

[7] „che far, che dir in tal fatal momento“ (it.) = „Was soll ich tun, was soll ich in einem so schrecklichen Moment sagen?“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (27.06.2019).