Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Kossmaly:5

Sr Wohlgeboren
Herrn Hofcapellmeister
Dr Louis Spohr
in Cassel

frei


Hochgeehrter Herr und Meister!

In Erwiderung auf Ihre zweite geehrte Zuschrift erlaube ich mir, Ihnen zu foerderst mitzutheilen, daß ich mich Ihrem gütigen Rath zu folge, also gleich an H. Vermeulen in Rotterdam wandte u. daß ich bereits von da Antwort erhalten habe – – Leider ist auch diese wiederum abschläglich ausgefallen – die Herren Holländer scheinen wegen jenes durchgängigen H. Grenzebach noch in ziemlicher Entrüstung zu seyn, u. geneigt wegen des alerdings unehrenhaften Betragens eines Einzelnen jetzt alle deutschen Musiker mit dem Bannfluch zu beladen, wie aus dem heftigen, grollenden Zorn obigen Mynheers genügend hervorgeht – Qu' importe – il1 – Was kann man von einem Holländer anders als Betisen u. Sottisen2 erwarten. In diesen beiden letztern Hinsichten(???) hat ja der Holländ. Mynheer von Je her eine entschiedene Superiorität u. große Virtuosität vor allen andern Nationen geltend gemacht – Auch nach Aachen, wo der städt. Musikdirstelle3 mit Nächstem erledigt werden soll, habe ich mich gewandt aber bis dato noch keinen Bescheid erhalten. Ich glaube, dß4 es jedenfalls meiner Bewerbung dort bedeutend zu Statten kommen würde, wenn vielleicht Sie, verehrter Herr, den dortigen Musikvereinsvorstand in einigen empfehlenden Worten auf meine Acquisition gütigst aufmerksam machen wollten.
Mittlerweile habe ich vor, hier noch ein Concert zu veranstalten – da ich5 bei der Stellung des Programms nothwendig auf den soi disant6 Geschmack (!!?) der fürstl. Herrschaften Rücksicht nehmen muß, so habe ich u.a. Rossini's Stabat mater zur Aufführung gewählt, wovon ich wohl eine Partitur, aber leider nicht die Solo- Chor- u. Orchesterstimmen besitze.
Sollte vielleicht in Cassel die Singakademie, d. Cäcilienverein pp. im Besitz der letzten seyn u. ich durch Ihre gütige Vermittlung dieselben von dort geliehen erhalten können. In diesem Falle würden Sie, verehrter H. Capellmeister mich zu höchstem Dank verpflichten, wenn Sie mir umgehend die fraglichen Solo- Chor- Orchesterstimmen zukommen lassen wollten. Der Collision halber mit den hier7 bald wieder beginnenden Theatervorstellungen(???) bin ich so mit der Zeit gedrängt, so daß mir daran liegen muß, so bald als möglich dies Concert zu geben. Ich würde es nicht gewagt(?) haben, Sie mit diesem Anliegen zu behelligen, wenn nicht Ihre mir bereits bewiesene gütige Theilnahme an meiner momentan peinlichen Lage, so wie die Hoffnung, daß Sie die mich dazu veranlaßenden Verhältniße wohlwollend berücksichtigen dürften, mich dazu ermuthigt hätte.
H. Appel hat mir immer noch nichts über seinen Beschluß, bezüglich meiner ihm gesandten Compositionen8 geschrieben, obwohl jetzt bald ein voller Monat seit er sie in Händen hat, verstrichen ist, u. er wie ich unmaßgeblich der Meinung bin, in dieser Zeit wohl sich zu irgend einer Äußerung über den fragl. Gegenstand hätte resultiren können – ich finde das mindestens sehr sonderbar u. unartig, um nicht noch einen anderen stärkern, aber jedenfalls auch passenden Ausdruck zu gebrauchen, daß H. A. – nach Ihrer Aussage sich selbst ein entscheidendes Werth(?) Urtheil über Musik u. Musik. Werke zutraut9(???) hat mich außerordentlich belustigt – ja selbst [???]. Derartige merkwürdige Idyosynkrasien u. Verblendungen – das untrüglichste Zeichen bedeutender geistiger Umnachtung sind indeß bei dieser Sorte Menschen (?)10 durchaus nichts Seltenes – Wahrlich – die Naturgeschichte des Verleger's u. insonderheit des deutschen Musikverleger's bedarf u. harrt(???) noch(???) ihres besonderen Buffon11 oder Linnée12 – Wenn Sie, verehrtester Meister, bei H. Appel im Bezug auf mich, noch einmal antippen wollten, vielleicht erholte sich der Mann so weit von seiner Lethargie, daß er wenigstens seine Willensmeinung(?) – Ja oder Nein kund gebe – Im letzten Fall würde ich dann sehen, ob ich meine unglücklichen Verstoßenen etwa in Leipzig unterzubringen vermag – Jedenfalls aber würde es mir sehr angenehm u. höchst erwünscht u. nützl. seyn, wenn Sie, vor der etwaigen Retournirung der Compositionen, dieselben vorher einer Durchsicht würdigen u. Ihr Urtheil darüber gütigst mittheilen wollten. Indem ich nochmals auf13 im Eingang erwähnte Bitte bezüglich des Stabat pp. zurückzukommen wage, verbleibe ich
in vollkommenster, aufrichtigster Verehrung

Ihr
ganz ergebester
C. Kossmaly

Detmold. d. 25t Octbr. 1844.



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Koßmaly, 11.10.1844. Spohr beantwortete diesen Brief am 27.10.1844.

[1] „Qu' importe – il“ = „Was spielt das für eine Rolle“.

[2] „Bettisen u. Sottisen“ = „Dummheiten und Torheiten“.

[3] Sic!

[4] Sic!

[5] Hier gestrichen: „für“.

[6] „Soi-disant“ = „angeblich, so genannt“.

[7] „hier“ über der Zeile eingefügt.

[8] Das Grab des Dichters, die Vokalquartette sowie die tatsächlich bei Appel erschienenen Klarinettenlieder op. 8 (vgl. Koßmaly an Spohr, 20.09.1844).

[9] „zutraut“ über der Zeile eingefügt.

[10] „(?)“ im Original.

[11] Vgl. z.B. Herr von Büffons Naturgeschichte des Menschen, Bd. 2, Berlin 1807, Herrn von Buffons Naturgeschichte der Vögel, Bd. 26, Berlin 1797, Herrn von Buffons Naturgeschichte der vierfüßigen Thiere, Bd. 2, Troppau 1785.

[12] Vgl. Der Ritters Carl von Linné [...] vollständiges Natursystem [...], Bd. 1 Von den säugenden Thieren, Nürnberg 1773.

[13] „auf“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (26.06.2019).