Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Kossmaly:3

Detmold. 20st Septbr. 1844

Verehrtester Herr und Meister!

Indem ich mir erlaube, mit gegenwärtigen Zeilen für einige Augenblicke Ihre gütige Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, kann ich nicht umhin, zugleich den leisen Wunsch auszudrücken, daß Sie, in wohlwollender Erwägung der Veranlassung zu diesem Schritt, dessen Kühnheit minder streng beurtheilen u. nachsichtsvoll entschuldigen möchten. –
Daß ich vom 1. May. c. a. an, meine hiesige, seit drei Jahren bekleidete Stelle1 aufgegeben habe, ist Ihnen vielleicht bekannt geworden, aber vielleicht nicht, daß ich mich durch allerhand gegen mich in Bewegung gesetzte „Hoftheater Cabalen“ der nichtswürdigsten Gattung dazu gezwungen fand – –
Das wäre nun freilich an u. für sich kein so großes u. unerhörtes Unglück, so wie auch meine Niederlage im Kampf mit der Bosheit u. Gemeinheit, gegen welche mir nun einmal die Natur die geeigneten Waffen versagt hat, für mich durchaus nichts so2 Verdrießliches hat – leider aber ist es mir bis jetzt noch immer nicht gelungen, ein anderweitiges, convenables Engagement für mich ausfindig zu machen, obwohl ich mich zu diesem Ende mit drei verschiedenen Theaterbureaus – in Berlin, Leipzig, Frankfurt a/m – in Correspondenz gesetzt habe, so daß ich mit Schrecken u. Entsetzen dem nächsten Winter entgegen sehe.
Wie durch höhere Eingebung kommt in dieser Noth und Bedrängniß mir auf einmal der Gedanke die letztern Ihnen zu entdecken, u. mich mit der zutrauensvollen Bitte an Sie zu wenden, mir in dieser so peinlichen u. kritischen Lage Ihren gütigen Rath nicht vorenthalten, und, falls Sie vielleicht von einer oder der anderen mein Fach betreffenden Vacanz Kunde erhalten, sich alsdann zu meinen Gunsten verwenden u. mich durch Ihre einflußreiche Verwendung unterstützen zu wollen.
Eben so würden Sie, verehrtester Herr, mich zu höchstem Dank verpflichten, wenn Sie durch Ihre Empfehlung mir vielleicht zum Verkauf meiner neuen Gesangskompositionen – u.a. eine Ballade von Rückert „Das Grab des Dichters“ – zwei Gesänge für Tenor (Sopran) u. Clarinette obligat3 Text („Der Hirt auf dem Felsen“ u, „Die Meere“) – ferner sein zweites Heft VocalQuartetts f. Männerstimmen – behülflich seyn könnten – –
Das Schicksal hat mich schon oft und schwer, sehr schwer heimgesucht – in diesem Jahre jedoch scheint es all seine Wuth an mir auslassen zu wollen u. ich muß beinah verzweifeln, mich jemals wieder aus diesem Abgrund von Unglück empor arbeiten zu können, da ich so ganz allein, von aller Welt verlassen, da stehe! – – –
Indem ich schließlich, das Maaß meiner Unbescheidenheiten voll zu machen, noch um eine baldige, gütige Beantwortung dieser Zeilen bitte, verbleibe ich mit unwandelbarer, aufrichtiger Verehrung

Ihr
ergebenster
C. Kossmaly

Autor(en): Koßmaly, Carl
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Rückert, Friedrich
Erwähnte Kompositionen: Koßmaly, Carl : Das Grab des Dichters
Koßmaly, Carl : Lieder, Ten 1 2 Bass 1 2
Koßmaly, Carl : Lieder, Ten Klar Kl, op. 8
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Detmold>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1844092043

http://bit.ly/2Nbey1G

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Koßmaly an Spohr, 10.02.1842. Spohr beantwortete diesen Brief am 24.09.1844.

[1] Koßmaly war 1841-1844 Musikdirektor am Hoftheater in Detmold.

[2] Über der Zeile eingefügt.

[3] Diese beiden Kompositionen erschienen 1846 bei Appel in Kassel (vgl. Rez. „Die Meere. Der Hirt auf dem Felsen. Zwei Gedichte von Wilhelm Müller, für eine Singstimme mit obligater Clarinette und Pianoforte, componirt von Carl Kossmaly“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 48 (1846), Sp. 76f.).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (25.06.2019).