Autograf: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky (D-Hs), Sign. AHT : 20 : 35 : Bl. 1-4

Sr. Wohlgeb.
Herrn J. F. Schwenke
Organist zu S. Nicolai
in
Hamburg.

frei

Einliegend Musikalien.


Cassel den 13ten
Mai 1844.

Geehrtester Freund,

Längst hätte ich Ihre freundliche Zuschrift beantwortet und Ihnen für die Einlage1 gedankt, hätte ich nicht zugleich auch das Concertstück2, womit Sie mich bey meiner letzten Anwesenheit in Hamburg erfreuten, Ihrem Wunsche gemäß beylegen wollen und dieß war unter das Chaos meiner Musikstöße, bey Gelegenheit einer Reparatur meines Hauses, so vergraben worden, daß es mehrere Ansätze bedurfte, um es endlich heraus zu finden. Nun ist es glücklich an‘s Tageslicht gebracht und ich sende es Ihnen beyliegend, bitte jedoch, es mir mit erster passender Gelegenheit gütigst wieder zukommen zu lassen.
Während der fürchterlichen Catastrophe des Hamburger Brandes3 dachten wir unaufhörlich an Sie und die Ihrigen und da wir im Voraus wußten, daß Sie mit abgebrannt seyn müßten, so waren wir nur froh auf unsere Erkundigungen4 bey Schuberth zu erfahren, daß Sie leben und Gesundheit gerettet hätten.5 Daß Sie freilich so gar nichts von Ihren Manuscripten und andern Sachen, die nicht wieder zu ersetzen sind, gerettet haben, thut mir unendlich leid und ich glaube, ich würde in ähnlicher Lage auch lange gebrauchen, bis ich mich darüber trösten könnte. – Was Sie mir sonst über das rohe, herzlose und hochmüthige Wesen Ihrer Mitbürger klagen, so wie über das dortige, größtentheils jammerliche Kunsttreiben, so findet sich das allenthalben und man thut am besten, es mit Verachtung zu ignoriren. Wollte man sich darüber ärgern, oder es rügen, so würde man gar nicht aufhören können und sich nur das Leben verbittern. Am besten ist es man vertieft sich in irgend eine interessante Arbeit, um alles andere darüber zu vergessen. So habe ich es gemacht, indem ich in meinen alten Tagen nochmals die Komposition einer großen Oper begonnen und im Entwurf nun auch seit einigen Tagen vollendet habe. Da ich, troz der vielen Opernbücher, die mir zur Ansicht zugeschickt wurden, keins finden konnte, was mir zusagte, so habe ich mir mit Hülfe meiner Frau selbst ein solches nach einem Kotzebueschen Schauspiele „die Kreuzfahrer“ zusammen gesetzt und ganz meinen jetzigen Ansichten gemäß eingerichtet und bin nun sehr gespannt zu sehen, wie das Publikum dieses Werk, welches vom modernen Opernstyl und selbst von dem meiner eigenen Opern sich sehr entfernt, aufnehmen wird. Ich habe nämlich versucht den dramatischen Styl in dieser Oper wieder zu Einfachheit, Wahrheit und Natur zurückzuführen, ohne auf den Reichthum der Harmonie und der Instrumentirung, der die moderne Musik vor der ältern auszeichnet, ganz zu verzichten. Allso keine Coloraturen, keine unnöthigen Wortwiederholungen, kein Stillstehen der Handlung um die Leute nur singen zu lassen, sondern ein Drama, eine rasch fortschreitende Handlung mit Musik. Daß mir bey diesem Streben die jetzt gebräuchlichen Musikformen nicht genügen konnten und ich versuchen mußte, mir neue zu schaffen, war eine nothwendige Folge und in dieser Beziehung unterscheidet sich diese Oper auch sehr von meinen eigenen frühern. Ich bin nun eifrig über die Instrumentierung her und denke im Herbst damit fertig zu werden. Am Clavier sind die beyden ersten Akte schon einige Male von Dilettanten recht gut gesungen worden und haben die Zuhörer zu meiner Freude sehr6 ergriffen, obgleich der ganze Reitz der Instrumentierung noch fehlte und durch das Clavier kaum angedeutet werden konnte.
Leben Sie wohl. Die herzlichsten Grüße an die lieben Ihrigen. Ich bitte um gefällige Abgabe der im Paquet liegenden Briefe7. Von ganzem Herzen der Ihrige Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Kotzebue, August von
Schuberth, Julius
Spohr, Marianne
Erwähnte Kompositionen: Schwencke, Johann Friedrich : Adagio, Vl Orch, op. 36
Spohr, Louis : Die Kreuzfahrer
Erwähnte Orte: Hamburg
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1844051313

http://bit.ly/2RFtZNd

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Schwencke an Spohr, 06.01.1844. Schwencke beantwortete diesen Brief am 03.08.1844.

[1] Im Vorbrief ist keine Einlage erwähnt und auch auf dem erhalten Adressfeld wird keine Beilage angegeben.

[2] Schwenckes Adagio für Violine und Orchester op. 36.

[3] Der Hamburger Brand oder Große Brand zerstörte 05.-08.05.1842 große Teile der Hamburger Altstadt.

[4] Noch nicht ermittelt.

[5] Noch nicht ermittelt.

[6] Ab hier quer zur Leserichtung auf den Rand der Briefseiten geschrieben.

[7] Noch nicht ermittelt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (06.12.2018).