Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Dulcken:1

Hochgeehrter Herr Capellmeister

Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu versichern, mit wie vielem Vergnügen meine Frau & ich an die Zeit Ihrer Anwesenheit in London denken, & wie unvergeßlich uns der Tag (5 July 18431) an dem Sie unser Haus mit Ihrer Gegenwart beehrten, & mit meiner Frau Ihr wunderschönes Quintett spielten.2 Das alles haben Sie gewiß längst vergessen, wie auch ganz natürlich – aber nicht wir. – Hiemit bester Herr Capellmeister erlaube ich mir bey Ihnen anzufragen, ob es an dem ist, dß3 Sie ein Concert für Piano & Orch componirt haben, & wenn dem glücklicherweise so wäre, ob meine Frau es sogleich erhalten könnte um es4 im nächsten Philhe zu spielen5 oder wenn es nicht mehr in Dero Händen, wie & wo, & von wem ich es für meine Frau schaffen könnte, woher(???) es auch mir auf die paar Wochen geliehen. Meine Frau, lieber Herr Spohr, läßt Sie förmlich beschwören, ihr das genannte Musik Stück, sollte es wirklich nicht am Ende ein Irrthum sein, zu verschaffen, auf das schnellste – Eiligste – ihre Ungeduld kannte keine Grenzen – keine Ruhe bey Tag & Nacht – nichts mer(?) ihr Vergnügen macht – ich glaube, Sie retten ihr das Leben, so stellt sie sich an. Nun – geehrtester Herr Capellmeister, nehmen Sie mir doch ja meine Impertinenz nicht übel – namentlich sind Sie dergleichen Plagereyen schon so gewohnt, daß Sie sich nicht viel daraus machen. In London fängt der wilde Tanz nun wieder an, es scheint mir dieses Jahr arger als je zu machen, & doch ist’s mit wenigen Ausnahmen immer die alte Geschichte. – Gestern Abend wurde im 1sten Philh. Concert Ihre herrliche Simphony No 1. aufgeführt & gieng wirklich vortrefflich.6 Die Mensch(???) im Orchester nahmen sich besonders zusammen, auch gehts mit der ganzen Philh. Geschichte besser, & es ist eine Art réaction im Publicum en faveur der Sache eingetreten, es war auch die höchste Zeit. Die lieben englischen Künstler genies mit allem Geprahle haben Sie denn auch so gar keine Chance, kommen Ihnen nicht die Deutschen, die da gewesen, & die7 da sind,iuij (leider gar wenige) zu Hilfe, es ist lustig anzusehen mit welch’ sauern Gesichtern Sie sich in dieses kleines Malheur fügen. Nun, lieber geehrter Herr Spohr, leben Sie wohl, meine Frau & meine Wenigkeit lassen sich der Frau Kapellmeisterin auf das Allerbeste empfehlen, auch der Frau von Malzburg, wenn sie noch in Ihrer Stadt wohnt.
Ich verbleibe stets. Dero
Sie hochachtender & aufrichtiger ergebener
Diener & Freund
Th.A. Dulcken

London – 26 March –
80 Harley Street

Autor(en): Dulcken, Theobald
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Dulcken, Louise
Malsburg, Caroline von der
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Quintette, Fl Kl Fg Hr Kl, op. 52
Spohr, Louis : Quintette, Vl 1 2 Va Vc Kl, op. 53
Spohr, Louis : Sinfonien, op. 20
Erwähnte Orte: London
Erwähnte Institutionen: Philharmonic Society <London>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1844032640

http://bit.ly/3g3vly7

Spohr



Das Datum dieses Briefs folgt aus der erwähnten Aufführung von Spohrs 1. Sinfonie in den Konzerten der Royal Philharmonic Society (vgl. Anm. 6).

[1] „1843“ unter der Zeile eingefügt.

[2] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 05.07.1843. Aus der Formulierung im Brief „an dem Sie [… ] mit meiner Frau Ihr wunderschönes Quintett spielten“ lässt sich vermutlich folgern, dass es sich um die Fassung mit Streichern op. 53 handelt.

[3] Offensichtlich Abk. f. „daß“.

[4] „es“ über der Zeile eingefügt.

[5] Stattdessen führte Louise Dulcken das bereits erwähnte Klavier-Quintett am 29.04.1844 im 3. Konzert der Royal Philharmonic Society auf (vgl. vgl. Myles Birket Foster, History of the Philharmonic Society of London 1813-1912. A Record of a Hundred Years’ Work in the Cause of Music, London 1912, S. 185).

[6] Zum Programm des Konzerts am 25.03.1844 vgl. Foster, S. 184.

[7] „die“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (06.04.2020).