Autograf: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt am Main (D-F), Sign. Mus. Autogr. A. Schmitt A 150


20 März, 1844.

Hochverehrter Freund!

Hiemit beehre ich mich Ihnen das Textbuch meines Osterfestes zu übersenden, mit der Bitte: mich bei Ihrem Herrn Intendanten wegen der schlechten Schrift des Buches entschuldigen zu wollen. Um ganz sicher zu gehen, etwas untadelhaftes zu erhalten, wandte ich mich an den hiesigen Opernsouffleur, – ein sonst recht feiner Mann – und wie ergerte ich mich, ein, für theures Geld, so schlecht geschriebenes Buch zu erhalten!
Um die Sache jedoch nicht noch länger hinaus zuhalten, sende ich Ihnen das Buch dennoch, hoffend – das Sie mir es werder übelnehmen noch aufrechnen. Bemerken muß ich jedoch vor allen Dingen: daß die beiden ersten Akten ganz recitirt, oder vielmehr in Recitative geschrieben sind. Die wenige Prosa des 3ten Acktes, welches ohnedies als etwas Selbstandiges1 für sich besteht, wird gesprochen. Daß dieß so sein müßte, wie es ist, haben die Aufführungen hier hinlänglich bewiesen und dargethan. Ich bemerke dieß, weil, mit Recht, Bemerkungen darüber gemacht2 werden könnten, wenn dieser Fall nicht ein eigenthümlicher wäre, er es wohl so sein muß.
Daß das Osterfest auf offener Bühne, die weit tiefer als die hiesige, weit mehr Wirkung machen wird, als hier, ist zweifelsohne der Fall, besonders der 3te Akt der viel Tiefe des Theaters erfordert.
Auch Ihre Besetzung verbürgt mir, daß die Oper bei Ihnen aller wenigstens den Eindruck hervorbringen wird, den sie hier (trotz der bei solchen Gelegenheiten fast nie sich fehlenden Feindseligkeit) hervorbrachte. Zum Glück wurde diese Clique darnieder geschlagen, und – durch die Musik selber, und wäre diese gerade nicht so, wie sie ist, so wäre ich in Staube getreten werden, worauf es abgesehen war. Das Publikum ist eben doch in solchen Fällen ein unpartheiischer Schiedsrichter, der solche Gehässigkeiten nicht aufkommen läßt. Wie aus den Wolken gefallen, waren viele viele Menschen, daß mir etwas der Art beschieden war, indem man von mir weiß: daß ich für mich lebe, jedermann gerne diene, wo ich nur kann, und mich auch mit Niemand befasse, und lediglich nur mir, meiner Familie und der Kunst lebe.
Hassen und in Staubtreten, ist namenlich leider jetzt hier gang und gebe. Dießmal gelang es jedoch nicht allein nicht, sondern es war der Sache so gar zu träglich, und die Theaterdirektion hat bereits ihre Rechnung bei dem Osterfest gefunden, und wir es in Zukunft noch mehr finden. Wie ich höre wird meine Oper den zweiten Feiertag wieder gegeben, so wie für die Maße paradieren soll. Ich hatte gewünscht, man möge sie, nachdem sie viermal bei überfülltem Hause hintereinander gegeben wurde3 (hier schon sehr viel) einige Zeit ruhen lassen. Daß mein Oratorium „Moses“ den Charfreitag hier gegeben wird, habe ich mündlich Ihnen mitzutheilen die Ehre gehabt. Da die Chöre vom Theaterpersonale gesungen werden, so möchte ich, daß sie lieber nicht gesungen4 würden. Jedoch, ich kann gegen die Aufführung nichts thun.
Sollte es zu machen sein, daß mein Osterfest bald bei Ihnen gegeben würde5, so sollte es mich doppelt freuen, als ich Sie dann wieder zu sehen die hohe Freude hätte. Wie wohl fühlte ich mich in Ihrer Nähe! wie eigen bange und unheimlich fühlt man sich hier. Es ist jetzt gar so schlimm hier! Haß u. Neid stehen jetzt hier oben an, und könnte ich dies Unwesen nicht mit aller Nähe mit ansehen, wie schlimm wäre es für mich!
Auf Ihre neue Oper freue ich mich gar sehr, machen Sie nur, daß wir sie hier bald erhalten. Wie viele Menschen waren neidisch, daß sie mein Trio, welches ich mit Ihnen spielte, nicht mit anhören konnten. Wird‘s Ihre Frau Gemahlin nicht bald einmal spielen? Es wäre eine große Satisfaction für mich. Bitte mich derselben bestens empfehlen zu wollen.
Mit wahrer hoher Verehrung bleibe ich stets und immer
Ihr Sie hochhochverehrender und innig liebender

Freund Aloys Schmitt.

Frankfurt den 20ten März
1844.

N.S.
Falls ich Ihnen die Partitur des Osterfestes senden soll, kann ich Ihnen auch die scenische Anordnung, Costume, Skizzen der Decoration, Züge, namentlich den Zug im 3ten Ackte, mit beifügen.
A.S.

Autor(en): Schmitt, Aloys
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Schmitt, Aloys : Moses
Schmitt, Aloys : Das Osterfest zu Paderborn
Schmitt, Aloys : Trios, Vl Vc Kl, op. 35
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Stadttheater <Frankfurt am Main>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1844032045

http://bit.ly/

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schmitt an Spohr, 01.03.1844. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schmitt an Spohr, 22.08.1844.

[1] Sic!

[2] „gemacht“ über der Zeile eingefügt.

[3] „hintereinander gegeben wurde“ über der Zeile eingefügt.

[4] Hier gestrichen: „gesungen“.

[5] Es gelang Spohr nicht, das Osterfest auf den Spielplan zu setzen (vgl. Spohr an Georg Müller, 25.12.1844).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (31.03.2020).