Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18440315>

Sr. Wohlgeb
Herrn Adolph Hesse
Organist
in
Breslau


Cassel den 15ten März
1844

Mein geliebter Freund,

Vorgestern als Schluß unsrer Winterconcerte wurde Ihre Sinfonie zur allgemeinen Freude des zahlreich versammelten Publikums aufgeführt.1 Wir sind hier auch der Ansicht, daß dieß Werk Ihr bestes und originellstes der Gattung sey und ich wünsche Ihnen von Herzen Glück dazu! Hätte ich noch irgend einen Wunsch, so wäre es der, daß bey einigen Stellen die Harmonie einfacher (weniger auffallend) wäre und der 2te Satz bey der großen Lebendigkeit der übrigen, einfacher und mehr wie ein breites Adagio gehalten wäre. Der schnellere Zwischensatz, so originell er an sich ist, scheint mir dem ganzen Eintrag zu thun, um so mehr da die erste Hälfte bey der Wiederkehr, auch noch in bewegten Figuren veriirt ist. Das Scherzo, schon jezt von großer Wirkung, würde noch mehr wirken, wenn ein einfaches Adagio vorherginge. Die Sinfonie hat bey ihren übrigen Vorzügen auch noch den, daß sie meisterhaft instrumentirt ist; alles liegt bequem und kann daher auch rein und ungezwungen herauskommen. Sie ging hier auffallend gut und ich habe mich einmal wieder über unser Orchester gefreuet. Ich hatte sie sorgfältig in der Vorprobe eingeübt und konnte sie nun ohne Besorgniß von Baldewein dirigiren lassen, da ich dieß bey der letzten Probe und der Aufführung, weil ich Solo spielte (mein 11tes Concert in 3 Sätzen) nicht selbst konnte.2 Mir wurde dadurch der für mich so seltene Genuß, das Werk 2 mal so recht ruhig von Weitem anhören zu können. Ich machte bey dieser Gelegenheit von neuem die Berkung, daß unser Orchester im Theater bey seiner jetzigen Besetzung von 8 ersten, 8 zweiten Geigen, 4 Bratschen, 5 Violoncells und 2 Contrabässen ein sehr gutes Verhältnis hat und von weitem, obgleich unser Theater nicht sehr sonor ist, sehr vorzüglich klingt. Besonders Sinfonien, die reich in den Mittelstimmen und in den Harmoniefolgen sind, klingen viel besser wie in einem Saale und die reine Intonation unsres Orchesters, die ich anderwärts, besonders bey den Blasinstrumenten selten so gut wie hier finde, haben wir dem Umstande zu danken, daß wir fast nur im Theater musiciren.
Haben Sie dank für Ihre musikalischen Berichte aus Breslau und fahren Sie ja damit immer fort, wenn ich auch nicht immer prompt antworte. Es fehlt mir oft an Stoff und Zeit zu Briefen. Mit meinen Arbeiten rückt es nur langsam fort. Von der neuen Oper sind 2 Akte im Entwurf und Clavierauszuge fertig, aber die Instrumentation ist noch nicht einmal bis zum Finale des [1sten] fertig. Den 3ten und letzten Akt [begann] ich soeben. Die beyden ersten Akte [habe ich] einige Male am Piano zu hören gegeben, sie scheinen bei den Zuhörern große Thei[lnahme] zu finden. Der Styl dieser Oper ist von dem meiner andern Oper gänzlich verschieden. Mein ganzes Bestreben ist, wahr im Ausdruck und ächt dramatisch zu seyn. Die Form der Musikstücke und Rezitative ist wesentlich verschieden von den bisher gewöhnlichen.
Im nächsten Sommer werde ich mit meiner Frau wahrscheinlich Berlin besuchen. Dort könnten wir uns wohl treffen, wenn Sie uns nicht etwa einen Besuch hier zugedacht haben.
Leben Sie wohl. Freundliche Grüße von meiner Frau. Von Herzen

Der Ihrige
Louis Spohr

Erwähnte Personen: Baldewein, Johann Christoph
Spohr, Marianne
Erwähnte Kompositionen: Hesse, Adolph : Sinfonien, op. 75
Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 70
Spohr, Louis : Die Kreuzfahrer
Erwähnte Orte: Berlin
Kassel
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1844031501

http://bit.ly/1Nk5tK4

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 02. und 03.02.1844. Hesse beantwortete diesen Brief am 19.04.1844.

[1] Vgl. O[tto] K[raushaar], „Cassel, im April 1844”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 46 (1844), Sp.333-337, hier Sp. 334f. 

[2] Ebd., Sp. 333.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach, 18.10.2015.