Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Catlenburg am 10ten März 1844.

Ihr liebes Schreiben vom 8ten, mein innigst verehrtester Gönner! habe ich Gestern Nachmittag innig dankbar zu empfangen die Freude gehabt! –
Der Reitz, Ihr Concert zwey Mahl zu hören, ist zu groß, um die Probe aufgeben zu können! – u da gleichwohl die nächtliche Fahrt gerade noch manches gegen sich hat: so werde ich, um Dienstag Morgen die Probe zu genießen, schon Morgen Nachmittag mit der Goettinger Fahr-Post dort eintreffen.1
Leid thut mir, daß nicht umgekehrt Donnerstag‘s der Fliegende Holländer und immerhin Sonntag‘s die Gibellinen2 gegeben werden! – Den Holländer hätte ich recht gern noch ein Mahl mit eigenen Ohren in etwas controlliren zu können. –
Die Hugenotten, – – sahe u hörte ich bereits 8 Mahl! – u – habe daran wohl eigentlich genug! – 3 Mahl mittelmäßig in Frankfurt, mit gleich mäßigem Interesse3 1 Mahl schlecht in Leipzig mit unglaublicher Langeweile! – 2 Mahl in Braunschweig unter Meyer-Beer‘s eigenen 8 Wochen lang fortgesetzt gewesenen Studien u Direction in großer Vollendung, mit recht großem Interesse!4 – Dann aber noch noch 2 Mahl daselbst in recht guter Ausführung, aber gleichwohl wenigerem Interesse. – Es sind gar zu manche Momente darinn, die, nach Abstreifung der ersten Ueberraschung, musicalisch geradezu widerwärtig sind! – so daß ich sicher Donnerstag Morgen wieder den Postwagen mich zuwenden würde, wenn nicht der Freytag Abend dann noch so über alle Maaßen anziehen wäre! – in der Voraussetzung, daß die dorthin unüberschwenglich große Güte u musicalische Gastfreundlichkeit mir gestatten werde, darann wiederum Theil zu nehmen! –
Ein jedes in seiner Art! – aber daß irgend welches noch so große Orchester einen noch höheren eigentlichen Genuß gewähre, als die 4 oder 5 Instrumente unter Ihrer Leitung u seelenvollen Vorspiele in Ihren Quartetten u Quintetten das ebenfalls bewirken, ist wahrlich nicht wohl möglich! –
Doch, – die Post drängt! – Innigst

Ihr wärmster u dankbarster Verehrer
CFLueder.

Autor(en): Lueder, Christian Friedrich
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Meyerbeer, Giacomo
Erwähnte Kompositionen: Meyerbeer, Giacomo : Les Huguenots
Wagner, Richard : Der fliegende Holländer
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Hoftheater <Braunschweig>
Hoftheater <Kassel>
Stadttheater <Frankfurt am Main>
Stadttheater <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1844031035

http://bit.ly/3vfZgdX

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Lueder, 08.03.1844. Der nächste erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Lueder, 29.03.1844.

[1] Zum sechsten Kasseler Abonnementkonzert am 13.03.1844 vgl. O[tto] K[raushaar], „Cassel, im April 1844“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 46 (1844), Sp. 321-324 und 333-337, hier Sp. 333ff.

[2] Eine Bearbeitung, in der der Musik zu Gicaomo Meyerbeers Les Hugenots die deutsche Übersetzung eines Librettos von Eugène Scribe unterschoben wurde (vgl. Arien und Gesänge. Die Gibellinen in Pisa. Große Oper in 5 Aufzügen, nach dem Französischen des E. Scribe bearbeitet von Georg Ott, zu der Musik der Hugenotten von Meyerbeer, Kassel 1839).

[3] Vgl. Lueder an Spohr, 14.10.1837.

[4] Vgl. Lueder an Spohr, 26.04.1840.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (12.03.2021).