Autograf: ehemals Privatbesitz Dr. Ernst Hauptmann in Kassel, vermutlich 1943 Kriegsverlust
Abschrift: Computerdatei von Herfried Homburg († 2008) nach einer Abschrift von Franz Uhlendorff

Cassel den 2ten Febr.
1844.

Geliebter Freund,

Die Gade’sche Symphonie ist angekommen und heute schon vorläufig probirt worden Sie soll nächsten Mittwoch in unserm 4ten Abonnementsconcerte zur Aufführung kommen. So recht hat sie mir noch nicht gefallen wollen. Vieleicht kommt dieß erst bey öfterm Hören. Heute fand ich die beyden mittelsten Sätze am schönsten und der lezte sagte mir am wenigsten zu.1 Mit ihr zugleich probirte ich auch eine neue große Symphonie von Kühmstedt. Da aber das Orchester bereits 2 Stunden vorher bey einer Probe von Preciosa gefroren hatte und sich in der Abschrift, die hier gemacht ist, wie gewöhnlich viele Fehler finden, so brachte ich es nur bis zu 2 Sätzen. Diese beyden Sätze haben mir aber sehr gut gefallen und wenn ich aufrichtig seyn soll, sogar viel besser wie die Gade’schen. Ich bin erstaunt über die Fortschritte, die K. seit seiner ersten Symphonie in Bezug auf Form, Durchführung der Gedanken und Instrumentirung gemacht hat und mögte diese Symphonie, wenn die beyden andern Sätze eben so gut wie die gehörten sind, zu den besten zählen, die in neuerer Zeit geschrieben worden sind. K. hat sie mir hieher geschickt um sie zu probiren und wenn ich sie gut fände, Herrn M.2 Hiller zur Aufführung zu empfehlen. Das könnte ich nun sogleich; aber ich wünsche sehr, sie vorher in unserm 5ten Concert aufzuführen und auch die Stimmen von den Schreibfehlern zu reinigen, bevor ich sie nach Leipzig schicke. Ich halte es daher für gerathener Kühmstedt’s Brief3 an H. M. Hiller vorauszuschicken und bitte Sie, denselben zu übergeben und mit meiner Empfehlung des Werks zu bevorworten. Unsre Aufführung der Symphonie wird am 27sten d. M. stattfinden; mit dem Ende des Monaths könnte sie daher in Leipzig seyn. Sollte H. M. Hiller sie aber schon im Laufe dieses Monaths ansetzen wollen, so sende ich sie sogleich, denn es ist die Leipziger Aufführung für K. unendlich wichtiger wie die hiesige und wir können sie auch später geben. Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir das, was H. M. H. über diese Angelegenheit, die dem guten K. so sehr am Herzen liegt, äußerst baldigst mittheilen wollten.
Ich hatte gehofft mit der Symphonie von Gade auch etwas für unsern Cäcilienverein zu erhalten. Ist die Walpurgisnacht noch immer nicht erschienen? Auch das neue Werk von Schumann wünschte ich für den Verein möglichst bald zu erhalten.
Staehle hat mir geschrieben und fragt an, ob ich seine Ouvertüre in einem unsrer Concerte geben wolle?4 Haben Sie die Güte ihm zu sagen, daß er mir P[artitur] und Stimmen senden soll und daß [ich sie für] eins der nächsten Concerte nutzen [will]. Er schreibt mir über Leipziger Musikzust[ände] sehr altklug, aber recht verständig. Seine nette, reinliche Handschrift wurde von meiner Frau bewundert. Sie meinte, wir (Sie und ich) würden gut thun, Schreibstunde bey ihm zu nehmen.
Wenn Bott noch einmal in Leipzig spielt, so rathen Sie ihm in meinem Namen, die Gesangszene zu wählen. Den Vortrag von dieser hat er sich am meisten zu eigen gemacht.
Mit meiner Oper geht es nur langsam vorwärts. Doch bin ich bis zum Finale des 2ten Akts vorgerückt; mehr wie die Hälfte ist fertig. Instrumentirt sind aber erst einige Nummern.
Auf die Bekanntschaft von Gade freue ich mich sehr. Es wäre mir sehr lieb, wenn er bis zu unserm nächsten Concert hier einträfe.
Ihrer lieben Frau unsere herzlichsten Grüße.
Mit inniger Freundschaft stets

der Ihrige
Louis Spohr



Der letzte zumindest teilweise überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hauptmann, 02.12.1843. Hauptmann beantwortete diesen Brief am 16.02.1844.

[1] Otto Kraushaar kam zur Aufführung im 4. Abonnementkonzert am 07.02.1844 zu einer anderen Bewertung als Spohr: „Dem zweiten und dem vierten Satz des Werkes geben wir vor den übrigen Sätzen desselben den Vorzug” („Cassel, im April 1844”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 46 (1844), Sp. 321-324 und 333-337, hier Sp. 322).

[2] Hier wohl Abkürzung für „Musikdirektor”.

[3] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[4] Vgl. Hugo Staehle an Louis Spohr, 30.01.1844.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.12.2016).