Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Catlenburg am 1ten Februar 1844.

Endlich, mein innigst verehrtester Gönner! giebt ein auch hier wieder erreichte Wurst-Fabrication die uns stets so erfreuliche Gelegenheit, Ihnen ein Pröbchen davon mit dem herzlichsten Wunsche präsentiren zu dürfen, daß auch diese übermäßig ungesunde Witterungs-Constitution, voll der schwersten Abwechselungen ohne Beyspiel, Ihnen und Ihrer genialen theuren Frau Gemahlin keine Störung des frischesten Apetites dafür möge gebracht haben! –
Vielleicht darf ich die Bitte wagen, Ihrer verehrten Frau Tochter1 mit demselben herzlichen Wunsche etwas davon zufließen lassen zu wollen! –
(Hrn v. d. Malsburg sende ich direct ein Paar Würstel) –
Ich habe Hn Prume zu Ehren am 15ten v. M. mir eine arge Erkältung von Goettingen geholt; und kämpfe noch fortwährend mit dem inneren Drange mich niederzulegen! – Hoffe aber doch ohne ein solches Extrem damit durch zu kommen! –
Meine Frau war glücklicher Weise wohl genug, solches Concert, – auch ohne Nachwehen, – besuchen zu dürfen; und entzückte sich auch in hohem Maaße an dem theilweise unläugbar vortrefflichen Spiele des berühmten Mannes; womit dem mein Hauptzweck seiner Vorladung(?) nach Goettingen erreicht war! –
Auch ich überzeugte mich in Goettingen von neuem, – der heillosen Begleitung zum Trotze! – wie auch die Violine als Solo-Instrument im Saale allerdings ungleich voller und besser klingt, denn im Theater.
Manche unglückliche Fügungen, neben den vielen Krankheiten auch die gerade eingetretene erste stärkere Kälte, pp ließen leider nur das finanzielle Resultat gar sehr unter sicher geglaubter Erwartung bleiben! – Seine Rein-Einnahme beschränkte sich leider auf 52 Rth., 6 Gr.!! – Sein Benehmen dabey blieb indessen doch sehr liebenswürdig. – Er reiste desselben Abends noch wieder nach Gotha zurück, um daselbst mit Liszt gemeinschaftlich ein Concert für die Armen zu geben. – Gelegentlich mündlich mehr darüber! –
Je mehr ich von dem genialen Gade und insonderheit auch über dessen Symphonien lese, desto gespannter werde ich, eines dieser „characteristisch-nordischen“ größeren Werke unter Ihrer stets so ganz u gar den innersten Geist der Tondichtungen erfassenden u durch dringenden Orchester-Leitung zu hören! – Dem sich dann auch wohl einige Zimmer-Ausführungen aus Ihrer mich zum höchsten spannenden und interessierenden neuen Oper anschließen!2
Gebe der Himmel nur, daß ich, wenn Ihre liebevolle Citation dazu eintrifft, wieder wohl genug bin, um solche Wallfahrt zu Ihrem Parnasse unternehmen zu dürfen! –
Mit innigster Dankbarkeit

Ihr
wärmster Verehrer
CFLueder.

Das Concert, in welchem Sie selbst genemigen wollen, dem Publiko den hohen Genuß eigenen Vortrags eines Ihrer großen Violin-Concerte zu berichten, lassen Sie doch ja zeitig vorher bekannt werden. Von allen Seiten hörte ich die Absicht, dazu gen Cassel wallfahrten zu wollen! – u selbst in den Momenten des durch des Prume große Kunstfertigkeit hervorgerufenen Enthusiasmus drückte sich doch unter den gediegeneren Kunstfreunden allgemein das Verlangen darnach u das3 Urtheil aus, wie daran doch noch ein ganz anderer, unberechenbar höherer eigentlicher Genuß zu verwerten seyn; – eben so wie 1829 in Frankfurt mitten in der durch Paganini hervorgerufenen Be- und Verwunderung! –

Autor(en): Lueder, Christian Friedrich
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Liszt, Franz
Lueder, Wilhelmine Henriette Caroline
Malsburg, Wilhelm von der
Paganini, Niccolò
Prume, François
Spohr, Marianne
Wolff, Ida
Erwähnte Kompositionen: Gade, Niels : Sinfonien, op. 5
Spohr, Louis : Die Kreuzfahrer
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Gotha
Göttingen
Kassel
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1844020135

http://bit.ly/30BNi05

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 16.12.1843. Spohrs Antwortbrief vom 03.02.1844 ist derzeit verschollen.

[1] Ida Wolff.

[2] Zu den privaten Probe-Aufführungen von Die Kreuzfahrer vgl. Spohr an Emilie Zahn, 05.12.1843; Karl Traugott Goldbach, „Louis Spohrs Quartettverein und andere musikalische Geselligkeiten in Kassel“, in: Spohr Jahrbuch 2 (2018), S. 47-62, hier S. 58f.

[3] Hier zwei Buchstauben gestrichen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (12.03.2021).