Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Staehle:1

Verehrtester Herr Capellmeister!

Sie müssen mich für einen sehr undankbaren Menschen halten, daß ich nun schon so lange Zeit aus Cassel entfernt bin, und noch kein Wort des Dankes Ihnen zugerufen habe. Aber gewiß war es nicht Mangel an Liebe und Hochachtung, der mich bisher abhielt, Ihnen zu schreiben, gewiß nicht -, doch seit meiner Ankunft in Leipzig hatte ich so viel Neues zu sehn und zu hören, daß dadurch meine Zeit zu sehr in Anspruch genommen wurde. –
Was aber auch hier in der Musik geleistet wird, das findet man nehmlich an wenig Orten. Die 20 Abonnementsconcerte, die jeden Winter im Gewandhaus gehalten werden, sind ganz vorzüglich. Das Orchester, wenn auch im Einzelnen nicht so gut, wie die Capelle in Cassel, so ist es doch bei weitem stärker besetzt, wie jene. Dabei spielen die Leute mit einer solchen Präzision, mit einem solchen Beachten des forte und piano, daß es ein wahres Vergnügen ist, ihnen zuzuhören. Und was für herrliche Kompositionen kommen hier zur Aufführung! – Unter anderem war es ein großer Genuß für mich, Ihre herrliche Doppelsymphonie für 2 Orchester wieder zu hören. Aber dieser Genuß wurde doch ein wenig getrübt; denn die Aufführung war nicht so, wie sie hätte sein sollen. Schon die Aufstellung der beiden Orchester gefiel mir nicht, man konnte sie nicht genug von einander unterscheiden. Und dann wurde sie auch nicht mit der gehörigen Feinheit, die doch unbedingt zu einem solchen Werke, wie Ihre Doppelsymphonie, erforderlich ist, vorgetragen, was mich um so mehr wunderte, da man doch sonst mehr Akkuratesse bei dem hiesigen Orchester gewohnt ist. Gleich das Hornsolo im Anfang war nicht gut, der Hornist setzte so häufig ab, um Athem zu schöpfen, was sehr störend war. Auch bei dem Mittelsatz im ersten Allegro wurden die gestoßenen Triolen in den Blasinstrumenten viel zu roh vorgetragen, obschon das pp dabei steht.1 – Auch ist Ihre Symphonie „Die Weihe der Töne”, hier zur Aufführung gekommen. Sie ging sehr gut, nur war der erste Allegrosatz ein klein wenig zu langsam; was überhaupt ein Fehler von Hr. Hiller ist, daß er die meisten Tempis zu langsam nimmt.2
Viel Vergnügen gewährte es mir, J. Bott einmal wieder zu hören. Er hat zweimal gespielt und wurde auch mit Beifall aufgenommen. Bei seiner Rückreise wird er wahrscheinlich noch einmal sich hören lassen. Wir haben bei Hr. Hauptmann auch einige von Ihren3 Salonstücken gespielt. Sie sind ganz wunderschön, besonders gefiel mir jedoch Nr 5., das Trio hiervon ist ziemlich schwer. –
Schließlich wage ich noch eine kleine Bitte an Sie. Bei meiner Anwesenheit in Cassel versprachen Sie mir, meine Ouvertüre in einem der diesjährigen Abonnementsconcerte zur Aufführung zu bringen. Dürfte ich jetzt wohl diese meine Bitte wiederholen. Wenn Sie noch immer geneigt sein sollten, meinen doch so geringen Wunsch zu erfüllen, so könnten Sie ja wohl meinem Vater Antwort sagen lassen, damit ich die Partitur an ihn schicken kann.
Indem ich mich Ihrem ferneren geneigten Wohlwollen empfehle, und Sie bitte, Ihre verehrte Frau Gemahlin beßtens zu grüßen, verbleibe ich

Ihr
ganz ergebenster
Hugo Staehle

Leipzig, den 30. Januar 1844.



Dieser Brief scheint der früheste Brief dieser Korrespondenz zu sein. Spohr beantwortete diesen Brief nicht direkt, sondern ließ über Spohr an Hauptmann, 02.02.1844 ausrichten, dass Staehle ihm Partitur und Stimmen senden solle. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Stähle an Spohr, 12.02.1844.

[1] Vgl. R., „Leipzig, den 20. November 1843”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 45 (1843), Sp. 846f., hier Sp. 847; „Leipzig”, in: Signale für die musikalische Welt 1 (1843), S. 364f., hier S. 364.

[2] Vgl. R., „Leipzig, den 30. Januar 1844”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 46 (1844), Sp. 72-75, hier Sp. 73; „Vierzehntes Abonnementconcert, d. 25. Januar 1843”, in: Neue Zeitschrift für Musik 20 (1844), S. 55f., hier S. 56; J.B., „Vierzehntes Abonnementconcert im Saale des Gewandhauses zu Leipzig. (25. Januar)”, in: Signale für die musikalische Welt 2 (1844), S. 35f., hier S. 36.

[3] „von Ihren” über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.05.2016).