Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Druck: Simon Moser, Das Liedschaffen Louis Spohrs. Studien, Kataloge, Analysen, Wertungen. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Kunstliedes, Kassel 2005, Bd. 1, S. 68 (teilweise)

Gotha d. 14. Nov. 1843

Wenn Sie, mein theurer Spohr! diese Ihnen jetzt sicher ganz unbekannte Handschrift erblicken, und darum zunächst nach der Unterschrift sehen, so mögen Sie Sich wohl längstvergangener Zeiten und aus ihnen eines alten Freundes und Obr. erinnern, der sich wahrhaft freut, nun noch, nach so vielen Jahren, eine Veranlassung zu haben, sich in Ihr Gedächtniß zurückzurufen und ein paar freundliche Worte mit Ihnen zu wechseln. – Diese Veranlassung selbst aber ist fast eine romantische zu nennen und ist, kurz und gut, folgende. Der Herzog August wollte zu einem Romane, den er einige Jahre vor seinem Tode zu schreiben intendirte, 6-8 kleine Lieder von mir gedichtet haben, die (lachen Sie nur immer ein wenig!) er höchstpersönlich componiren wollte!1 – Die Lieder wurden dem Herzog übergeben, und es sollte um rasch an den Roman selbst gehen: Da kamen andere Dinge, andere Pläne dazwischen, mit den Compositionen mogte es, in Ermangelung eines tüchtigen musicalischen Helfershelfers, auch ein wenig hapern, und als endlich der Herzog wieder auf jenen Roman zurückkam, ergriff ihn der Todesengel, und ich war nur froh, mein Lieder-Päckchen zurückzuerhalten, um es zu2 meinen Papieren jener Zeit legen zu können, wo es nun seit 23 Jahren unbesehens geruht hat, und von mir fast vergessen worden ist.
„Aber – werden Sie nun sagen – welchen Bezug nimmt das alles auf mich!“ Und so hören Sie denn weiter, theurer Freund!
Vor einigen Wochen sitze ich zu Tafel bei unsrer verw. Herzogin neben einer Gräfin Bohlen, einer gebohrnen, der Herzogin seit vielen Jahren befreundeten, Hessin, einer der gebildetsten Frauen, die in meinem Leben vorgekommen sind, enthusiastische Freundin der Musik und namentlich Ihrer Compositionen, die sie alle auf gründliche Weise kennt, und „mit tausend Freuden, wie sie sich ausdrückte, derjenigen erinnerte, die Sie zu ein paar von meinen Liedern gesetzt hätten.“3 Und dieser – gewiß höchst zufällige, aber mir doch darum auch nur um so interessanter gewordener – Umstand ist es, der mir jene für den Herzog August bestimmt gewesenen Lieder wieder in Erinnerung brachte, und mich veranlaßt, Sie, lieber Freund! zu fragen: „ob Sie sich überhapt wohl noch in einer oder der anderen müssigen Stunde mit solchen kleinen Lieder Compositionen beschäftigen, und ob Sie für diesen Falles wenigstens nicht ungern aufnehmen würden, wenn ich Ihnen jene Lieder übersende, um nach Ihrer eigenen Einsicht und Neigung zu sehen, ob und welche Sie davon geeignet finden möchten, sie mit Ihrer Composition zu verschönern und diese dem Publikum zu übergeben?“
Daß dabei meinerseits von einem Antheil an Honorar und dergl. keine Rede sein kann, und daß ich schon für die Gewöhnung von ein paar Freiexemplare zum Verschenken an ein paar Freunde, oder vielmehr Freundinnen, sehr dankbar sein werde, versteht sich unter uns wohl von selbst.
Haben Sie nun die Güte, werther Freund! mir auf diese meine Anfrage so offen und traulich zu antworten, als ich sie Ihnen vorlege, und sein Sie überzeugt, daß wenn auch – aus irgend einem Grunde – Ihre Antwort eine versagende sein sollte, ich darum doch nicht wieder Ihnen nun schon seit länger als 30 Jahren gewidmeten freundschaftlichen Hochachtung verbleibe

der Ihrigste
von Göchhausen

Gotha d. 14 Nov. 1843

Meine Adresse ist unverändert die alte:
An den Kammerherrn pp

Autor(en): Göchhausen, Emil
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: August Sachsen-Gotha-Altenburg, Herzog
Bohlen, (Gräfin) von
Caroline Amalie Sachsen-Gotha-Altenburg, Herzogin
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Gotha
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1843111446

http://bit.ly/3wgw0Dm

Spohr



Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Bereits in seinen früheren Roman Ein Jahr in Arkadien (o.J. 1805) hatte Herzog August Lieder eingelegt, die damals Friedrich Heinrich Himmel vertonte (Sechs Gedichte aus dem Kyllenion des regierenden Herzogs von Gotha, op. 20).

[2] „zu“ über der Zeile eingefügt.

[3] Mindestens „Wiegenlied“ op. 25.1.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (01.07.2021).