Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18430828>

Cassel den 28sten August
1843.

Geehrter Freund,

Nun, nachdem ich den Stoß von Geschäftsbriefen, die sich während meiner Abwesenheit angesammelt hatten, weggearbeitet habe, darf ich auch wieder daran denken, mich meiner angenehmeren Correspondenz hinzugeben und so beeile mich ihnen zuerst ihre beyden lieben Briefe zu beantworten. – Haben Sie vor allem Dank für Ihre interessanten Referate und fahren Sie ja von Zeit zu Zeit damit fort. Dießmal würde es mir nicht an Stoff fehlen, sie zu erwiedern, allein es ist zu vielfältig um in schriftlichen Berichten erschöpft werden zu können und ich wünsche Ihnen von der Reise mündlich erzählen zu können. Da dies nicht angeht, so will ich wenigsten einiges nieder schreiben.
Obgleich ich durch die Aufnahme, die ich vor 4 Jahren in Norwich schon fand, schon verwöhnt war, so übertraf doch die, die ich dieses Mal bei dem Londoner Publikum und den dortigen Künstlern fand, alles was ich zu hätte erwünschen können. Bey meinem ersten öffentlichen Auftreten im philharmonischen Concert erhob sich, wie durch Verabredung, das ganze anwesende Publikum und bewillkommnte mich stehend, eine Ehre, die, wie die Zeitungen am anderrn Morgen bemerkten, noch nie einem Künstler in London wiederfahren ist.1 Nach der 1sten Aufführung des Oratoriums „der Fall Babylons“ wurde mir ein dreifaches Heil! zugerufen; auch etwas dort ganz Unübliches bey solcher Gelegenheit.2 Bey der 2ten Aufführung des Oratoriums, die am Abend vor meiner Abreise mit einer Besetzung von 500 Mitwirkenden in der majestätischen Exeter-Hall vor einem Auditorio von 3000 Menschen stattfand, wurde ich förmlich mit Ehren überschüttet.3 Der Jubel beym Empfang wollte gar nicht mehr enden, so daß es nahe 10 Minuten dauerte, bis ich beginnen konnte. Jede Nummer wurde stürmisch beklatscht. so daß ich jedes Mal aufhören muste,
wodurch leider die Übergänge zwischen den verschiedenen Scenen ihre Bedeutung verlohren, mehre Chöre, die bey den Arien des Cyrus, von Staudigel gesungen, und eine Arie der Miss Birch musten wiederholt wurden. Am Ende war ein Lärm, als sollte die Welt zu Grunde gehen. Nachdem ich endlich glücklich zum Saal hinaus war und mich nun zu erholen dachte, wurde so lang gerufen, bis ich von Neuem erschien. Einer der Directoren sagte: man erwarte, daß ich einige Worte des Dankes spreche, und ich möge nur deutsch reden. Der Gedanke, zu Leuten zu reden, von denen dann vieleicht kaum 30 oder 40 mich verstehen würden, kam mir so spaßhaft vor, daß ich ohne die mindeste Befangenheit eine ziemlich lange Rede hielt. Nun brach der Jubel von Neuem los. Die Menschen stiegen auf die Bänke, weheten mit Tüchern und Hüten und gebärdeten sich wie Besoffene. Endlich trat das Directorium der Gesellschaft in feierlichem Zuge auf und es wurde noch einmal ruhig. Der Präsident4 hielt eine lange Anrede an mich und überreichte mir Namens der Gesellschaft, zum Andenken des Tags, eine collossale silberne Platte mit weißen Verzierungen, die eine Inschrift einschließen. Mit diesem Akt, der von großen Jubel begleitet war, schloß endlich das Ganze. Doch hatte ich noch viele Mühe zum Saal hinaus zu kommen, indem die Vornstehenden bis in die dritte Bank hinein mir alle die Hände reichen wollten, Damen wie Herren. – Ähnliches habe ich nie erlebt und werde es auch nicht wieder erleben. Mehr als dieß alles freute es mich, zu sehen, daß fast alle meine Kompositionen in London bekannt sind. In den zahlreichen Gesellschaften, denen wir beywohnten, wurden fast nur Kompositionen von mir gemacht, Arien und Duetten so wie viel meiner Lieder, die in London mit englischem Text gestochen sind und von Instrumentalkompositionen: zwei Doppelquartette, das Nonett, das Octett, das Quintett für Piano mit Blasinstumenten, das h moll Quintett und mehre Quarteten. Alle diese Sachen scheinen oft gegeben zu seyn, denn sie werden vortrefflich executirt und waren den Zuhörern sehr bekannt. Von Orchestersachen habe ich die Weihe der Töne5 , die Ouverture zum Alchymist6 und zu Macbeth und manche Arien, Duetten und Terzetten aus meinen Opern dirigiert. Die Weihe der Töne ging vortrefflich, so gut, wie ich sie noch nie gehört habe. Der 2te Satz wurde da capo verlangt.7 – Daß ich auch die Ehre hatte, vor der Königin zu spielen, haben Ihnen wohl schon die Zeitungen gesagt. Sie verlangte nun mehre meiner größeren Werke zu hören, ein Extra philharmonisches Concert, welches sie hier bis dahin noch nie besucht hatte. Der Prinz Albert empfing mich um mit mir das Programm des Concerts zu bestimmen; dieß enthielt nun freilich einiges, was ich nicht vorgeschlagen haben würde, z. B. 2 Sätze, das Scherzo und den letzten Satz aus der 9ten Sinfonie von Beethoven, die mir unausstehlich ist, und troz dem, daß er vortrefflich gesungen wurde8 , nur noch unausstehlicher geworden ist. Ich spielte mein Concertino aus a und hatte mich wie schon zur Reise nun noch zu diesem Concert besonders fleißig vorbereitet, so daß ich wieder einmal die alte Sicherheit fühlte. Die Königin ließ mich im Zwischenakt zu sich rufen und sagte mir viel freundliches. Die Blätter beurtheilten mein Spiel überaus günstig und setzten mich sogar über die Tausendkünstler Ernst und Sivori, die in London zugleich mit mir anwesend waren.9 – Die Londoner Künstler gaben mir ein zweites Festdiner in Greenwich, bey welchem interessante Musik gemacht und mir viel Ehre erzeigt wurde.10 Außerdem wohnte ich mehren andern Festdiners bey, bey welchen jedemal ein Toast ausgebracht wurde, eine Auszeichnung, die keinem der anderen vielen in London anwesenden Künstlern zu Theil geworden ist.11 – Doch genug von diesen eitlen Ehren, auf die ich auch nur Werth lege, weil sie mir von den stolzen Engländern erzeigt wurde. – Ein großes Interesse gewann diese Reise nach England dadurch, daß wir nun auch einiges von dem herrlichen Lande gesehen haben. Von Herrn Tailor geführt und begleitet machten wir eine 8tägige Excursion ins Land und zwar mit Hülfe der Eisenbahn ziemlich weit.12 Davon hoffe ich Ihnen einmal mündlich berichten zu können.
Leben Sie wohl. Von Herzen der Ihrige Louis Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 14.08.1843. Hesse beantwortete diesen Brief am 05.12.1843.

[1] Etwas nüchterner: „Dr. Spohr, on his entrance into the orchestra, was greeted with the most enthusiastic cheering, from an audience which rose simultaneosly to do him homage. This says much for the musical profession in England” („The eighth Philharmonic concert, on monday night”, in: Musical World 18 (1843), S. 227f., hier S. 227).

[2] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 07.07.1843; eine negative Besprechung dieser Aufführung: [Henry Chorley], „Dr. Spohr’s Concert. The Fall of Babylon”, in: Athenaeum (1843), S. 653f.; zwei weitere Konzertkritiken weisen auf den schlechten Besuchs dieses Konzerts hin: „The Fall of Babylon”, in: Musical World 18 (1843), S. 245f.; „Spohr’s Concert”, in: Morning Chronicle 8. Juli 1843.

[3] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 21.07.1843; „Dr. Spohr”, in: Musical World 18 (1843), S. 25; „Dr. Spohr at Exeter Hall”, in: Musical Examiner 1 (1843), S. 288f.

[4] John Newman Harrison (vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 21.07.1843; Eighth annual report of the Sacred Harmonic Society, London 1841, S. 3). 

[5] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheinträge 01. und 03.07.1843.

[6] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 01.07.1843; „Phiharmonic Concerts”, in: Athenaeum (1843), S. 637.

[7] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 03.07.1843. Die Konzertkritiken erwähnen die Wiederholung nicht: „The eighth Philharmonic concert, on monday night”, in: Musical World 18 (1843), S. 227f., hier S. 228; „Philharmonic Society”, in: Musical Examiner 1 (1843), S. 264ff., hier S. 264f.

[8] Zu einer anderen Einschätzung kommt: „Philharmonic Concerts. Extra Concert, by Command of the Queen. Monday, July 10”, in: Examiner (1843), S. 437.

[9] Die hier ausgewerteten Zeitungen und Zeitschriften ergeben ein ungünstigeres Bild: Dem Rezensenten des Examiner zufolge entsprach das von Spohr am 03.07. vorgetragene Concertino nicht den Erwartungen der Hörer („Philharmonic Concerts”, S. 421f.). Ähnlich wertet für das gleiche Konzert der Rezensent der Musical World, vergleicht dann aber nicht mit Sivori und Ernst, sondern einem anderen Geiger: „The concerto is one of the least important compositions of its kind that has proceeded from his author’s pen. It is pretty, and well instrumented – which said, all is said that can justly be said in its favour. Dr. Spohr’s performance reminded us strongly of Molique. It was though deficient in tone, in the highest degree finished and artist-like, and effected more for the composition than the composition deserved. A staccato passage in the polacca was delicious for its truth and crispness, and was loudly applauded.” („Eighth Philharmonic concert”, S. 227). Ahnlich auch: „His tone is deficient in depth, but every other essential is Dr. Spohr’s in perfection” („Philharmonic Society”, in: Musical Examiner 1 (1843), S. 264ff., hier S. 264). Der einzige mir derzeit bekannte Vergleich mit Ernst ist nicht so eindeutig, wie von Spohr im Brief behauptet: „Dr. Spohr, in the true classical style, has no superior, and, indeed, no equal, but the justly celebrated Ernst, who has the additional advantage of superior tone” („Dr. Spohr’s visit to England”, in: Musical World 18 (1843), S. 235f., hier S. 235). Eine Kritik zu einem Konzert, bei dem Ernst Spohrs Gesangsszene vortrug, ist über weite Strecken ein Vergleich zwischen dem Spiel Ernsts und Sivoris, ein Bezug auf die Spielweise Spohrs kommt jedoch nicht vor („Concert in aid of the German Hospital”, in: Musical World 18 (1843), S. 243f.). Entsprechend erklärt auch der der Rezensent des Athenaeum (vermutlich Henry Chorley) in einer Zusammenfassung verschiedener Konzerte im Anschluss an die sehr knappe Besprechung des vom Königspaar gewünschten Konzert Spohrs: „We are, indeed, inclined to believe that Signor Sivori has no peer among contemporary violinists – but this opinion must remain in abeyance till we heard Signor Ernst” („Benefit Concerts”, in: Athenaeum (1843), S. 654).

[10] Vgl. „The Spohr Banquet came off at Greenwich on Thursday with very questionable eclat. The fact that the whole affair was a farce, and among the ninety musicians present were to be found but few of the really distinguished artists who, properly speaking, should have presided on such an occasion. When were Macfarren, Loder, Henry Smart, John Barnett, Samuel Wesley, all enthusiastic admirers, and thorough comprehenders of the genius of the great Spohr? Who, moreover, placed Mr. Horsley in the chair, and put such a string of common places in his mouth as the speech he made on proposing the health of Dr. Spohr? [...] We wonder what Spohr thought of the affair” („The Spohr Banquet”, in: Musical World 18 (1843), S. 231). Eine ähnliche Einschätzung gibt: [From a special reporter employed by us for the occasion], „Dr. Spohr”, in: Musical Examiner 1 (1843), S. 268.

[11] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 04.07.1843.

[12] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheinträge 12.-18.07.1843.

Kommentar und Verschlagwortung, sofern in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (03.06.2015).