Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,216

Lindich, am 14ten August 1843.

Verehrter Gönner und Freund!

Ihr Werthes vom 16ten Juni habe ich seinerzeit richtig erhalten und mich über die Nachricht, daß Sie mit Ihrer lieben Frau wieder eine so interessante Reise1 machen, in Ihrem Interesse herzlich gefreut, indem ich fast überzeugt bin, daß der jährliche Ausflug, den Sie machen, in Ihren dortigen Verhältnissen nur vortheilhaft auf Sie einwirken kann. Ei, ei! Sie werden ja von den Engländern förmlich vergöttert, wie es scheint. Mich freut es herzlich, daß unser großer Meister Spohr solche Anerkennung findet. –
Wie es nun mit meiner Prager Geschichte wird, die ich, wie mir Graf Thun schreibt, dennoch nicht als abgebrochen ansehen soll, muß ich den Göttern überlassen. Nach der verführerischen Beschreibung, welche Sie mir von den dortigen Annehmlichkeiten machten, wäre ich von ganzem Herzen ganz hingegangen und auch meine Frau hatte sich, obgleich Sie im ersten Augenblick vor der großen Entfernung erschrak auch sehr an den Gedanken gewöhnt; allein dennoch war ich es meiner Familie schuldig, dafür zu sorgen, daß diese Verbindung wenigstens mit keinem Nachtheil verbunden ist.
Der wiederholten Einladung des Grafen Thun zu Folge mache ich vermuthlich Ende Oktober eine Reise dahin2, worüber ich jedoch noch Nachricht von Ihm erwarte, und werde meinen dortigen Aufenthalt möglichst dazu verwenden, mich in der Sache gehörig zu orientiren.
Daß Sie mein Oratorium aufführen wollen, freut mich sehr. Gerne hätte ich Ihnen den Clavierauszug davon geschickt, allein bis jetzt kam ich noch nicht dazu, einen zu verfertigen, und auch die Partitur konnte ich Ihnen nicht früher schicken, weil ich sie verschickt hatte und erst vor wenigen Tagen wieder zurück erhielt, auch war es ja nicht nöthig, da sie ausser vielleicht einigen Quartettstimmen, gar nichts kopirn zu lassen brauchen. Heute habe ich nun das ziemlich große Paket an Göpel expedirt und ihn gebeten, es auf die möglichst geschickteste Art an Sie gelangen zu lassen. Mit der Post kann man es nicht schicken, denn dies würde ein Heidengeld kosten. Hoffentlich erhalten Sie dasselbe bald; es enthält 2 Bände Partitur, 10 Solo-Singstimmen, 38 Chor- und 27 Orchester-Stimmen. Ich bitte Sie, mein Werk (es ist das erste in dieser Gattung) freundlich aufzunehmen, es nachsichtig zu beurtheilen und mir seinerzeit Ihre freie Meinung über das Werk selbst, so wie über den Erfolg der Aufführung desselben mitzutheilen.
In der Hoffnung, dass Sie und Ihre liebe Frau von der Reise glücklich zurückgekehrt sind, empfehle ich mich und meine Frau, die wir wieder die Freude haben, den Sommer in dem herrlichen Lindich (das fürstliche Sommeschloß, welches Sie während Ihres Hierseins auch kennnen lernten) zubringen zu können, Ihren beiderseitigen freundlichen Andenken und verbleibe mit den bekannten Gesinnungen von Herzen

Ihr
Th. Taeglichsbeck.

Erwähnte Personen: Göpel, Karl
Thun, Leo von
Erwähnte Kompositionen: Täglichsbeck, Thomas : Salomos Thronbesteigung
Erwähnte Orte: Lindich
London
Prag
Erwähnte Institutionen: Göpel <Stuttgart>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1843081443

http://bit.ly/1OvlA6H

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief Spohr an Täglichsbeck, 16.06.1843. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Täglichsbeck an Spohr, 14.10.1843.

[1] Spohr war eingeladen worden, in London sein Oratorium Der Fall Babylons zu dirigieren, bei dessen englischer Uraufführung in Norwich er im Vorjahr nicht anwesend sein konnte.

[2] Nach Prag (vgl. Täglichsbeck an Spohr, 04.06.1843).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (14.05.2016).