Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18430814>

Breslau d 14. August 1843

Geliebter Freund und Gönner!

Von unserem 10ten schlesischen Musikfeste und einer nachher unternommenen Fußreise aus unserem Riesengebirge zurückgekehrt, drängt es mich einige Zeilen an Sie zu richten. Zwar hoffte ich bereits ein Brieflein von Ihnen vorzufinden, doch mögen Ihre vielen Geschäfte Sie bis jetzt davon abgehalten haben. Das Liegnitzer Musikfest ist recht brillant gewesen, die Zahl der Mitwirkenden belief sich auf 500.1 Es fand erstens ein Orgelkonzert statt, bei welchem sich 8 schlesische Organisten produzirten, ich nahm nicht Theil daran, um mir meine Hand nicht schwer zu machen. Sodann fand eine Morgenunterhaltuiig im neuen, sehr schönen Theater statt, in welcher Kammermusik produzirt wurde. Ein Klaviertrio von Beethoven spielte Köhler, dann ließen sich die Künstler auf Flöte und Horn hören, mit denen mehrere Gesangspiecen wechselten. In dem später folgenden Konzerte mit großem Orchester führten Köhler und ich Ouverturen auf, und ich spielte dann Hummels schönes As dur Konzert, das mir gut gelang; außer mehreren Gesangspiecen wurde noch zum Schluß Beethoven es dur Sinfonie gegeben. Am andern Abende wurde in der festlich erleuchteten Kirche Händels Belsazar mit 500 Personen nach Mosels Bearbeitung aufgeführt. Es enthält meiner Ansicht nach manches Schöne, doch ist es im Ganzen schon sehr veraltet, was bei diesem theils weltlichen Sujet um so fühlbarer wird. Wir erinnerten uns Alle an Ihren Fall Babylons, dem dasselbe Sujet zum Grunde liegt, wie ist da alles Feuer und Leben während bei Händel auch die leidenschaftlichste Situation so modest und ruhigen Blutes einherschreitet. Dies Oratorium war übrigens schon seit einem Jahre an die schlesischen Gesangvereine zum Einüben verteilt worden. Da ich wieder auf Ihren Fall Babylons komme: haben Sie denn die Beurtheilung davon nach der Breslauer Aufführung gelesen? ich sende sie Ihnen mit.2 Einleitung und Schluß ist vom Theaterreferenten Herrn Schweitzer, einem großen Verehrer von Ihnen; schon 2 Tage früher stand ein Artikel von ihm in der Zeitung. Die Auseinandersetzung des Werkes selbst von der Ouverture an ist der Leipziger Musikzeitschrift entnommen, und da diese sich nur auf den Klavierauszug bezieht, so habe ich Einiges hinzugefügt, was natürlich auch nicht erschöpfend ist, da Seidelmann die Partitur nicht entbehren konnte. Auch habe ich dem Referenten eine ungefähre Angabe Ihrer Werke machen müssen. Eine offenbare Unrichtigkeit ist, daß dieses Werk bisher in Deutschland vernachlässigt wurde, da sich das Werk ja bei Breitkopf und Härtel im Stich befand, also nicht gegeben werden konnte, was ich später berichtigt habe. Auch bin ich noch mit einigen anderen Ansichten des Rez. nicht einverstanden, vor denen ich mich auch als Verfasser hiermit verwahre. Doch ist der ganze Artikel mit großer Verehrung für Sie verfaßt und die schöne Aufführung noch in lebendigem Andenken. Ihre Jessonda, von der ich Ihnen neulich schon meldete, machte das Zweitemal bei wieder vollem Hause (was des schönen Sonntags wegen viel sagen will) dasselbe Furore. Gestern sprach ich jemanden, der Ihren Faust in Berlin hörte, und die sorgfältige Ausführung nicht genug loben konnte. An meiner neuen Sinfonie arbeite ich mit großer Begeisterung, ich hoffe sie soll sdie beste meiner bisherigen sein. Ihr vorletztes Oratorium ist auch in der Berliner Singakademie mit großem Beifall gegeben worden.3 Weiter wüßte ich diesmal nichts zu melden.
Lassen Sie mich nur nicht zu lange auf ein paar Zeilen Ihrer Hand warten, Ihrer werthen Familie empfehlen Sie mich hochachtungsvoll, auch sonstige Bekannte bitte ich herzlich zu grüßen.

Ich bin
wie immer
Ihr
ergebener Verehrer
Adolph Hesse



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 29.07.1843. Spohr beantwortete diesen Brief am 28.08.1843.

[1] Vgl. [August] Jacob, „Zehntes schlesisches Gesang- und Musikfest”, in: Euterpe 4 (1844), S. 29-32 und 98ff. 

[2] Noch nicht ermittelt.

[3] Des Heilands letzte Stunden (vgl. „Berlin, den 1. März 1843”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 45 (1843), Sp. 247-250, hier Sp. 248).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (21.04.2016).