Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18430729>

Sr. Hochwohlgeboren
dem
Herrn Dr. Louis Spohr,
Kurfürstlicher Hofkapellmeister
Ritter etc
in
Cassel

franco


Breslau den 29ten Juli 1843

Hochgeehrtester Freund und Gönner!

In der Hoffnung, daß Sie von Ihren in England gefeierten Triumphen, von denen uns die Zeitungen berichtet, zurückgekehrt sind, lasse ich diese Zeilen an Sie abgehen; und beginne gleich wieder mit einem Triumphe, den Ihre Jessonda, welche gestern zum ersten Male in unserm neuen Theater mit einer pomphaften Ausstattung gegeben wurde, gefeiert hat. Die neuen Dekorationen waren überraschend schön, und ein so imposantes Schauspiel wie die Evolutionen der Portugiesen im 2ten Akte von einer Masse Personen in prächtigen Kostümen mit höchster Präzision ausgeführt, so wie der Waffentanz, der seiner immer wieder neuen Gruppierungen wegen 4 mal gemacht wurde, ist hier kaum bis setzt gesehen worden. Als Nadori gastirte Tichatscheck aus Dresden und war ganz vortrefflich, das erste Duett mit unserm vorzüglichen Prawit, für den der Dandau geschaffen zu sein scheint, ließ an Feierlichkeit und Würde nichts zu wünschen übrig. Die ganze Oper ging sehr gut, unser Orchester spielte mit Begeisterung und das überfüllte Haus gab seinen Dank für die schöne Komposition und Ausführung fortwährend zu erkennen. Besonders freute man sich auch über das Noble der ganzen Oper, in der man nirgend durch einen trivialen Scherz gestört wird. Ich hatte mir mit mehreren Musikern und Kunstfreunden eine Loge genommen und wir schwelgten üppig in den Tausenden von Schönheiten. Kürzlich gab man auch Euryanthe von Weber welche ihrer vielen Unklarheiten wegen in Sujet und Musik nicht gefiel. Morgen wird Jessonda wiederholt, worauf ich mich wieder sehr freue. Unser Seidelmann und das ganze Orchester empfehlen sich Ihnen hochachtungsvoll. Haben Sie Rellstabs Referat in der Vossischen Zeitung über Ihren Faust in Berlin gelesen?1 ich habe mich sehr darüber gefreut, besonders auch über Meyerbeers Eifer, mit welchem er die Einstudierung des Werkes betrieben hat. Nächsten Sonntag reise ich auf ein paar Tage nach Liegnitz zum 10ten Schlesischen Musikfeste, gegen 60 Mitwirkende kommen allein aus Breslau hin; es wird Belsazar von Händel und am anderen Tage ein Konzert gegeben in welchem ich eine Ouverture aufführen und Hummels schönes As dur Konzert spielen werde.2 Eine neue Sinfonie (meine 6te) habe ich bis in die Mitte des Finale bereits angelegt und hoffe bis zum Winter damit zu Stande zu kommen, sie ist in e moll und e dur. Zum Herbst wird Ihr Faust auch bei uns aufs Neue und gewiß prächtig in Scene gesetzt werden. Eine neue Kantate von mir für Chor und Orchester erscheint jetzt in Partitur.3 Schreiben Sie mir ja doch recht bald über Ihre Reise, und empfehlen Sie mich Ihrer werthen Frau Gemahlin, deren Familie, Frau v. Malsburg und sonstigen Bekannten auf das Angelegentlichste. Ich bin

Ihr
ergebener Verehrer
Adolph Hesse.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 19.05.1843. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 14.08.1843.

[1] Noch nicht ermittelt.

[2] Vgl. [August] Jacob, „Zehntes schlesisches Gesang- und Musikfest”, in: Euterpe 4 (1844), S. 29-32 und 98ff. 

[3] Noch nicht ermittelt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (03.06.2015).