Marianne Spohr, Tagebuch von der Reise nach England 1843
Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 2.2.01, Bl. 24v-25r

Donnerstag d. 20st.

Vormittag mit Spohr in einer ihm zu Ehren veranstalteten Musikparthie der Society of British musicians bei Mr. Erat, wo wir sehr feierlich schon an der Hausthür begrüßt und empfangen wurden. Wir hörten da (nachdem Spohr beim Eintritt in den Saal mit lebhaftem Applaus begrüßt wurde) lauter echt englische Musik, meist sehr gut an sich, und auch sehr schön ausgeführt. Vorzüglich Clav. Quart. v. Westrop, v. ihm selbst gespielt, und Sechstett v. Bennet, v. Barnet gespielt.1 Vorher und nachher Versammlung in einem allerliebsten kleinen, gepropft vollen Zimmer, wo Erfrischungen geboten, und schöne Reden an Spohr gehalten wurden. Zuletzt sogar ein Toast für mich. Von da fuhr Spohr mit Taylor und anderen nach Richmond zu einem großen Gastmahl der Kaufmannschaft v. 200 Personen von dessen Pracht und interessanter Einrichtung er höchst überrascht war, so wie auch v. den Ehrenbezeugungen, die ihm auch diese englische Volksklasse so reichlich spendete. Abends fuhr ich mit M. Taylor nach d. Probe in Exeter Hall2, wo mein Name uns leicht Einlaß verschaffte. Ehe sie begannen, lud man uns ein, der höchst merkwürdigen Singschule von mehr als 100 Personen in dem kleineren Saal (wo ebenfalls eine herrliche Orgel) beizuwohnen, die mich in ihrer Seltsamkeit unbeschreiblich amüsierten. Ganz komisch schien es mir, daß der Lehrer die ganze Versammlung erst jedes Stück in Takt und Rhythmus mit Nennung der Noten, sprechen ließ, und dgl. mehr. – Die Probe zum „Fall Bab.“ im großen ungeheuern Saale (wo ich Spohr zuerst von Weitem wieder sah) ergriff mich sehr, und klang von 500 Personen ausgeführt, mit der prachtvollen Orgel unterstützt, ganz himmlisch in den weiten Räumen. Spohr sehr befriedigt und vergnügt.3

Autor(en): Spohr, Marianne
Adressat(en):
Erwähnte Personen: Barnett, John
Erat, James
Taylor, Edward
Taylor, Margaret
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Der Fall Babylons
Erwähnte Orte: London
Erwähnte Institutionen: Sacred Harmonic Society <London>
Society of British Musicians
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1843072090

http://bit.ly/2ZNXfIN

Spohr



Dieser Tagebucheintrag folgt auf den Eintrag 19.07.1843. Der nächste Eintrag ist 21.07.1843.

[1] Vgl. [Charlotte Moscheles], Aus Moscheles’ Leben. Nach Briefen und Tagebüchern, Bd. 2, Leipzig 1873, S. 103.

[2] Spielstätte der Sacred Harmonic Society.

[3] Vgl. Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 280.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.05.2020).