Marianne Spohr, Tagebuch von der Reise nach England 1843
Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 2.2.01, Bl. 8v-10r

Sonntag d.2ten Juli.

Morgens viel Besuche bei uns, unt. and. Benedict mit vielerlei Anerbietungen, Dr. Freund wegen Gründung eines deutschen Krankenhauses in London, wozu er Spohrs Beistand erbat1, Mr. Carter u.s.w. – Dann das herrliche lang vorbereitete Spohrs-Fest bei Mr. Alsager, welches in seiner zauberhaften Eigenthümlichkeit uns dem gewöhnlichen Zustand menschlichen Treibens ganz entrückte und in fremde höhere Regionen, oder in eine Art ferne Welt versetzte. Anfang 2 Uhr, wo wir durch Mr. Alsager feierlich eingeführt in das erste reizende, schön hell beleuchtete Zimmer, der höchst eleganten freundllichen Dame vom Hause vorgestellt wurden, dann den 3 allerliebsten Töchtern, die ganz gleich in weiß gekleidet, mit langen schwarzen Locken und Silber-Rosenbouquetts im Haar auf die feinste und freundlichste Weise die Honneurs machen halfen. Nachdem wir durch alles Gesehene schon in eine fremd-romantische Stimmung versetzt waren, begann der einzig schöne Gang nach dem Musiksaal, der weit weg in einem Hinterhaus angelangt, durch allerlei magische Gallerien und Wege mit dem Haupthaus verbunden ist. Wir glaubten uns wirklich in Frankreich, als wir so auf prächtig rothen Teppichen, rings von Blumen und Bildern umgeben, beleuchtet nur durch große Fenster von oben, dann wieder die allerliebsten Zeltgänge mit sanftem Gelblicht durch die helle Leinwand ohne Fenster – dahin wandelten mit der Aussicht auf den herrlichsten musikalischen Genuß, der, nachdem wir uns (eine auserlesene Gesellschaft von 50 Pers.) in dem schönen Musiksaal gehörig niedergelassen hatten, alsbald begann.2

1) Dopelquartett (Blagrove)
2) Klav.Quint. mit Blasinstrumenten (Moscheles)
3) Nonett (Spohr) sämmtlich von Spohr, und mit größtem Entzücken aufgenommen, Adagio im Non. da capo. Hübsche Rede des Mr. Alsager (mit großem Applaus) zum Schluß des ersten Theils.

In ein appartes Zimmer geführt mußten dann nach abermaliger feierlicher Anrede Alle ihren Namen in ein großes Buch schreiben, Spohr obenan, zum Andenken dieses großen Tages. Dann Absonderung der Herren und Damen, und sehr komische Scenen für die Letzteren in einem eleganten Schlafzimmer, wo durch einige dienstbare Frauenzimmer alle möglichen Bequemlichkeiten offeriert und wahrhaft aufgenöthigt wurden: Toilettentische mit kaltem und warmen Wasser, Seife, Kämme, Spiegel, Stecknadeln und allerlei sonstige Geschirre, welches uns sehr amüsierte, obgleich wir weniger als die einheimischen Damen Gebrauch davon zu machen wußten. So neu gestärkt betraten wir den Haupt-Salon ½ 6 Uhr wo eine Tafel gedeckt war, daran entzückende Pracht, die Alles überstrahlte, was ich je Schönes sah, und uns ganz verblendete. Als ich dann auf dem Mittelplatz zwischen Spohr und Mr. Alsager sitzend, in stummer Bewunderung das Ganze überblickte, da war es mir völlig als sei ich in einem schönen Traum befangen, von dem ich jeden Augenblick aufwachen müßte. Doch alles war Wirklichkeit, und nachdem der erste bedeutende Appetit in ziemlicher Ruhe gestillt war, begannen die schönen Reden und Toaste, die sich immer auf Spohr bezogen und mich, mit dem ganzen eigenthümlichen Hergang dabei ungeheuer interessierten. Der oft unterbrechende Beifallsturm, der sich meist durch furchtbares Klopfen auf den Tisch und Bravorufen äußerte, ward am stärksten, als Mr. Alsager sagte: die versammelte Menge müsse sich zur großen Ehre schätzen, den größten Mann Europa’s in ihrer Mitte zu sehen“ und dgl. Komisch war, daß Spohr selbst nichts verstand und die Übersetzungsversuche des Hn. Hausmann oft überjubelt wurden. Spohrs kurze deutsche Dankrede ward von Moscheles ins Englische übertragen und sehr beifällig aufgenommen.
Nachdem endlich die Damen sich entfernt und die Schlafzimmerscenen nochmals kurz wiederholt hatten, wurde bald darauf in einem anderen Zimmer mit den Herren Kaffee getrunken und dann wieder durch die Wundergänge nach dem Musiksaal gewallfahrtet, der nun in Gasbeleuchtung noch schöner glänzte.
Der zweite Teil bot dann in 3 Stunden v. ½ 8 – ½ 11 wieder herrliches: Quint., Octett (das mir noch unbekannt aber reizend) und 3tes Doppelquartett, alles von Spohr, die Begeisterung der Zuhörer ermattete nicht bis zum letzten Ton, sondern steigerte sich mehr und mehr. H. Taylor, Küper und Andere glaubten sich in höhere Sphären versetzt und meinten, der Himmel mit seinen Harmonien hätte sich ihnen aufgetan. Auch ich fühlte mich an diesem Tage von einem eignen beseligenden Gefühl durchdrungen, nur getrübt durch die vergebliche Sehnsucht, daß die Meinigen in der Heimath alles dies Glück mit mir genießen könnten. Nachdem zum Schluß nochmals Erfrischungen gereicht und dabei dem allerseitigen Entzücken verschiedenartige Worte geliehen wurden, schied die Gesellschaft nach 11 mit froh bewegten Herzen und innigen Dank-Äußerungen gegen Spohr und den Stifter dieses unvergeßlichen Festes. –



Dieser Tagebucheintrag folgt auf den Eintrag 01.07.1843. Der nächste Eintrag ist 03.07.1843.

[1] Vgl. German Hospital, Dalston, Supported by Voluntary Contributions, and opened on the 15th October 1845, for the Reception and Cure of Sick Natives of Germany and Others speaking the German Language, London 1846. Spohrs Kollege Heinrich Wilhelm Ernst trat in dieser Zeit in einem Wohltätigkeitskonzert zugunsten des Deutschen Krankenhaus‘ u.a. mit Spohrs Gesangszene auf (vgl. „Concert in Aid of the German Hospital“, in: Musical World 18 (1843), S. 243f.).

[2] Vgl. Louis Spohr, Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 279; [Charlotte Moscheles], Aus Moscheles' Leben. Nach Briefen und Tagebüchern, Bd. 2, Leipzig 1873, S. 103.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (30.03.2017).