Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochgeehrter Herr!

Wenn man die Eltern verehrt und liebt, so freut man sich, ihre Kinder zu sehen. Diese Freude habe ich gestern Abend bei der Vorstellung Ihres Faust empfunden, der nach einer langen Pause, neu und mit dem sorgfältigsten Fleiß durch Meyerbeer einstudirt und dirigirt1, wieder auf unserer Bühne erschienen ist.2 Die Ausführung war des schönen Werks würdig; ein Jeder leistete, was er nur seinen Kräften nach vermochte, und Alle, von der Schönheit und Tiefe der Musik durchdrungen, schienen es sich zur Aufgabe gestellt zu haben, für das beste Gelingen der Vorstellung mitzuwirken. So konnte dann auch der Eindruck auf das gedrängt volle Haus nicht verfehlt werden, das jede Scene mit der lebhaftesten und verdienten Anerkennung für den Meister und die Ausführenden ansprachen. Man sieht daraus, daß der Sinn für das Aechte und Wahre doch nicht untergeht, und daß das Publikum trotz der vielen labrigen und nüchternen Speise, die man ihm auftischt, den Geschmack am Guten und Kräftigen nicht ganz einbüßt. Trauern Sie daher noch nicht an den Quellen Lutetias3 über den zerstörten 4Tempel deutscher Kunst. Es ist davon eine Kraft und würde, gegen die der neuere barbarische Mischmasch mit allen seinen flüchtigen Sinnen Kitzel nicht Stich halten kann. Solche Epochen der Verirrung kommen überall in der großen Menschengeschichte vor. Warum sollte die Musik allein davon bewahrt sein?! Es steht im Uebrigen nichts isolirt in der Welt, und so hängt auch diese musikalische Ueberzeigung mit der allgemeinen Weltstimmung zusammen. Les extrèmes se touchent.5 Von dem höchsten Raffinement kehrt man wieder zur einfachen Natürlichkeit zurück. Ich hatte Gelegenheit, diese Beobachtung vor Kurzem in Paris zu machen, wohin mich ein schmerzliches Ereigniß, die Krankheit und der Tod meiner geliebten Schwester6, gerufen hatte. In den 10 Wochen, die ich dort zubrachte, bemerkte ich in allen Verhältnissen, die bis zum höchsten Raffinement gesteigert sind, ein Uebergehen zur ursprünglichen Einfachheit gefunden natürlicher Zustände. Verzweifeln daher auch Sie, der E r s t e unter allen jetzt lebenden deutschen Meistern (dafür erkennt Sie die große und gute Mehrheit an) nicht an der Wiederkehr einer7 richtigen Würdigung8 des Wahren und ächt Klassischen in der Musik. – Ihre schönen Werke sind und bleiben daher immer in hohen Ehren. –
Die Freude, welche ich bei der Aufführung gestern empfand, regte die Gefühle liebevoller Verehrung, mit welcher ich das Andenken an Sie bewahre, so lebhaft bei mir an, daß Sie diesen Brief als den reinen Ausdruck meiner Gesinnung für Sie betrachten können. Mein Herz drängte mich, sie gegen Sie auszusprechen. – Kommen Sie nur recht bald einmal zu uns. Finden Sie auch keinen hohenzollernschen Enthusiasmus, so finden Sie doch aufrichtige und bessere Verehrer, unter denen ich einen ersten Platz anbiethe.9 Diesen Winter hatten wir Sie bei der Aufführung Ihres Oratoriums (des Heilands letzte Stunden)10 in der Singakademie erwartet; Sie kamen aber nicht. Wir hatten nur wenige Proben mit dem Orchester unserer Philharmonie zusammen, und ich war deshalb besorgt, daß die Aufführung nicht gelingen werde, allein es ging viel besser, als ich dachte. Die Musik spornte und steigerte Alle zur höchsten Aufmerksamkeit. – In den musikalischen Soireen, welche das Orchester zum Besten des Orchester-Wittwenfonds veranstaltet hatte, hörten wir auch Ihre neueste Symphonie, die mit größtem Beifall aufgenommen wurde. Auch die Ouverture zum Faust wurde gespielt und beide Werke wurden11 recht gut ausgeführt. –
Ich sende Ihnen den Zettel der12 gestrigen Aufführung mit, da die Besetzung von Interesse für Sie sein möchte. Faust und Mephistopheles sangen recht gut. Das Spiel des Letzteren ließ nicht viel zu wünschen uebrig; am Text jedoch, was er konnte. Die Besetzung des Röschens hätte besser sein können; allein13 bei der Abwesenheit der Tuczek ließ es sich wol nicht besser machen. Madame Burchardt (bis jetzt Dilettantin) sang übrigens recht rein und gut, nur klang die Stimme scharf und nicht natürlich frei, und die Persönlichkeit war der Rolle nicht angemessen.14 Mantius als Hugo war sehr brav, Gesang und Spiel gleich gut, auch Kunigunde war recht befriedigend. Am Schluß wurden alle gerufen. –
Entschuldigen Sie, hochgeehrter Herr, meine lange Epistel,15 die Verehrer sind oft recht langweilig und lästig. Bin ich es Ihnen auch gewesen, so zürnen Sie mir um meiner Liebe willen nicht. Was machen Sie diesen Sommer? Hoffentlich bedürfen Sie Ihrer Gesundheit wegen keine Brunnenkur mehr. Lassen Sie mich Etwas von sich, Ihrer Frau Gemahlin und Fräulein Pfeiffer16 hören, denen ich mich angelegentlichst empfehle. Sind Sie im Herbst oder Spätsommer in Kassel, so besuche ich Sie vielleicht. –
Ich lege diesem Brief eine kleine Rede17 von mir bei, die vielleicht nicht ganz ohne Interesse für Sie ist. Erhalten Sie mir ein freundliches Andenken, und sein Sie der aufrichtigsten Verehrung versichert, mit welcher ich stets bin

Ihr
freundschaftlich ergebener
H. Jacobson.

Hubert Ries wünscht Ihnen bestens empfohlen zu sein.

Autor(en): Jacobson, Hermann
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Burchardt, Marie
Mantius, Eduard
Marx, Pauline
Pfeiffer, Caroline
Ries, Hubert
Tuczek, Leopoldine
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Faust
Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte: Berlin
Erwähnte Institutionen: Königliche Schauspiele <Berlin>
Singakademie <Berlin>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1843062947

http://bit.ly/3yiuGRP

Spohr



Das letzte erhaltene Schriftstück dieser Korrespondenz ist Jacobson an Spohr, 05.07.1842. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Jacobson, 13.03.1844.
Das Datum ergibt sich aus der Angabe im Brief, er sei am Tag nach der Premiere von Faust entstanden (vgl. Anm. 2).

[1] „und dirigirt“ über der Zeile eingefügt.

[2] Zur Aufführung am 28.06.1843 vgl. „Berlin, den 2. Juli 1843“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 45 (1843), Sp. 597ff., hier Sp. 597f.; [Ergänzung 21.01.2022: „Aus Berlin“, in: Grenzboten 2 (1843), S. 783-786, hier S. 783f.]

[3] „Lutetia“ = lat. Name von Paris.

[4] Vor „Tempel“ gestrichen: „Kunst“.

[5] „Les extrèmes se touchent“ (frz.) = „Die Extreme berühren sich“.

[6] Noch nicht ermittelt.

[7] „einer“ über mehreren gestrichenen Wörtern eingefügt.

[8] Hier gestrichen: „desselben in“.

[9] Hier drei Buchstaben gestrichen („Vor“?).

[10] „(des Heilands letzte Stunden)“ über der Zeile eingefügt.

[11] „wurden“ über der Zeile eingefügt.

[12] „der“ über gestrichenem „von“ eingefügt.

[13] Hier gestrichen: „in“.

[14] Hier ein oder zwei Buchstaben gestrichen.

[15] Hier gestrichen: „und“.

[16] Hier zwei Buchstaben gestrichen.

[17] Noch nicht ermittelt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (01.07.2021).