Autograf: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth (D-BHna), Sign. IV A 25-4, Nr. 1
Faksimile: Herfried Homburg, Louis Spohr. Bilder und Dokumente (= Kasseler Quellen und Studien 3), Kassel 1968, S. 141-144
Druck 1: „Briefe an Richard Wagner”, in: Bayreuther Blätter 28 (1905), S. 275-286, hier S. 275f.
Druck 2: Horst Heussner, Die Symphonien Ludwig Spohrs, Phil. Diss. Marburg 1956, Anhang, S. 42f.
Druck 3: ders., „Ludwig Spohr schreibt an Richard Wagner. Unbekannte Briefe“, in: Neue Zeitschrift für Musik 119 (1958), S. 586f.

Sr. Wohlgeb.
Herrn Richard Wagner
Königl. Sächs. Hofkapell-
meister
in
Dresden.

franco.


Cassel den 6ten Juni
1843.

Hochgeehrtester Herr,

Ihre Oper ist gestern Abend mit dem allgemeinsten Beyfall gegeben worden.1 In dem Gedränge der Hinausströmenden hörte ich von allen Seiten Ausrufe der Zufriedenheit und Theilnahme, die zu gleichen Theilen der Musik wie dem Sujet galten. Es that mir leid, dass SieIhren Vorsatz, hieher zu kommen, nicht ausgeführt hatten: Sie würden Freude an Ihrem Werke erlebt haben! Anfangs hatte ich sehr mit den Sängern zu kämpfen, die von der Schwierigkeit ihrer Aufgabe zurückschreckten. Da ich sie aber zu strengen Proben anhielt, es in diesen sehr genau nahm, so kamen sie nach und nach zum Verständniß ihrer Parthien und es traf zu meiner Freude ein, was ich ihne vorausgesagt hatte, dass sie das größte Interesse daran nehmen würden! Dieses war bey allen der Fall und so hatten sie so fest memorirt, daß selbst die Aufregung der ersten Aufführung sie nicht irre machen konnte. Besonders gut waren die beyden Bassisten, Biberhofer und Föppel, und ich glaube nicht, daß die Rolle des Holländer irgend wo besser gesungen und gespielt werden kann, als es gestern vom ersteren geschah. Auch die Eder und Derska waren als Senta und Erik gut; doch konnten sie, nicht mit so kräftigen Stimmen wie jene begabt, die leidenschaftlichen Stellen nicht so siegreich hervorheben. Die scenische Anordnung war sehr sorgsam, und ich hatte es an Versuchen nicht fehlen lassen2, wie sie unserem Raume angemessen, am wirksamsten seyn könne. Auch der Maschinist hatte das Seinige redlich gethan und wurde nach den Sängern herausgerufen. Das orchester war vortrefflich und die Schwierigkeit der Aufgabe hatte seinen Eifer noch gesteigert. Freilich mußten einige Theaterproben mehr wie gewöhnlich bey einer Oper gemacht werden, aber der Eifer erkaltete nicht und so gelang es, daß zuletzt alle die schwierigen Figuren in Geigen und Bässen deutlich, rein und kräftig herauskamen. Auch beym Orchester hatte ich die Freude, sein Interesse an dem Werke mit jeder Probe immer mehr gesteigert zu sehen und da recht viele durchgebildete Musiker darunter sind, so gereicht dieses dem Werke zu besonderer Ehre und verbürgt seinen inneren Werth. Was mich betrifft, so hatte ich von Anfang an eine Vorliebe dafür, weil ich schon bey der Durchsicht der Partitur bemerkte, dass es mit Begeisterung geschrieben war, nicht nach Efekt haschte und dem großen Haufen zu gefallen strebte! Fahren Sie in dieser Weise fort und Sie werden deutscher Kunst Ehre bringen! Ist es mir erlaubt in Bezug auf künftige Arbeiten einen Wunsch auszusprechen, so ist es der, daß sie weniger schwierige Figren in den Saiteninstrumenten, weniger Blech, weniger Modulation und etwas mehr harmonsichen und melodischen Wohlklang erhalten mögen.
Empfangen Sie meinen herzlichsten Glückwunsch zu einem so ehrenvollen und glänzenden Debut und die Versicherung wahrer Hochachtung von

Ihrem
ergebensten
Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Biberhofer, Eduard
Derska, Joseph
Eder, Louise
Föppel, Heinrich
Spohr, Emma
Erwähnte Kompositionen: Wagner, Richard : Der fliegende Holländer
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1843060613

http://bit.ly/2zdmnZR

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Wagner an Spohr, 22.04.1843. Wagner beantwortete diesen Brief am 10.06.1843.

[1] Vgl. „Feuilleton“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 45 (1843), Sp. 517f., hier Sp. 518; „R. Wagners fliegender Holländer“, in: Neue Zeitschrift für Musik 19 (1843), S. 8; „Cassel“, in: Wanderer 30 (1843), S. 888.

[2] „lassen“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (16.08.2017).