Autograf: Bodleian Library Oxford (GB-Ob), Sign. GB 17: 41
Druck 1: John Michael Cooper und R. Larry Todd, „'With True Esteem and Friendship'. The Correspondence of Felix Mendelssohn Bartholdy and Louis Spohr“, in: Journal of Musicological Research 29 (2010), S. 171-259, hier S. 246f.; englische Übersetzung S. 205ff.
Druck 2: Felix Mendelssohn Bartholdy, Sämtliche Briefe, Bd. 9, hrsg. v. Stefan Münnich, Lucian Schiewietz und Uta Wald unter Mitarb. v. Ingrid Jach, Kassel u.a. 2015, S. 640 (teilweise)

Sr. Wohlgeb.
Herrn Felix Mendelssohn
Königl. Pr. Hofkapellmeister
in
Leipzig.

frei.1


Cassel den 23sten Januar
1843.

Geehrtester Freund,

Die neue Concertouverture, welche Ihnen von Freund David angekündigt seyn wird, werden Sie durch Hrn Dr. Schumann erhalten.2 Bey einem Dirigenten wie Sie bedarf es nicht erst der Bitte um sorgfältiges Einüben, weil es sich von selbst versteht. Ich bemerke daher bloß, daß ich sie bey den Proben doch schwerer gefunden habe, als ich anfangs glaubte und daß ich besondere Mühe hatte, das Orchester vor dem Eilen zu bewahren, wozu die Triolen-Figur des Thema’s unwillkührlich hinreißt. Die Ouverture macht sich am besten, wenn sie recht schwer, ich mögte sagen, schwerfällig vorgetragen wird und bis zu Ende (mit Ausnahme des etwas langsamern Mittelsatzes) streng in demselben Tempo genommen wisd. Einige Accord-Folgen mit der ganzen Masse werden nur dann erst klar, wenn sie von allen recht rein intonirt werden, was aber, weil es die Masse ist, seine großen Sckwierigkeiten hat, wie ich das hier bey der ersten Probe zu meinem Schrecken bemerkt habe. Nach einigen Wiederholungen dieser Stellen gelang es jedoch damit. – Ich war um einen Titel der Ouverture verlegen. Die hiesigen musikalischen Freunde meinten zwar3, sie passe ihrem Inhalte nach zur „Braut von Messina“. Mir will das nicht scheinen; ich habe sie daher einfach Concert-Ouverture im ernsten Styl genannt und bitte, sie dort auch so zu benennen.
Auf Drängen eines englischen Musikverlegers4 habe ich begonnen eine Claviersonate zu schreiben und 3 Sätze sind bereits fertig. Es ist ein tolles Unternehmen ein Solostück für ein Instrument zu schreiben, was man selbst gar nicht spielt; mich reizte aber die Schwierigkeit und so habe ich denn mit Hülfe meiner Frau, bey der ich das Claviermäßige erprobte, doch etwas zu Stande gebracht, was wie Claviermusik klingt. Beym Niederschreiben wünschte ich oft, es von Ihnen zu hören! Dieß bringt mich nun auf den Gedanken, da ich ohnehin schon lange gewünscht habe, Ihnen ein öffentliches Zeichen meiner freundschaftlichen Anhänglichkeit zu geben, Ihnen die Sonate zu dediciren, wozu ich hiermit um Erlaubnis bitte. Mit der englischen Ausgabe wird zu gleicher Zeit eine deutsche erscheinen.
Hauptmann berichtete mir von d[en dor]tigen Musikaufführungen so viel schönes5, daß ich von Neuem große Lust bekommen habe, einmal auf 8 - 14 Tage dort zu seyn. Leider muß ich auf jeden solchen Wunsch verzichten, nachdem ich im Herbst so unangenehme Erfahrungen gemacht habe! Um so mehr hat mich gbsr die Hoffnung erfreuet, die er mir macht, daß Sie die Güte haben würden, uns Ihre Sinfonie nach der dortigen Aufführung sogleich zu senden, so daß wir sie noch in unserm letzten Concerte zur Aufführung bringen können. Gönnen Sie mir diesen Ersatz für so manches was ich entbehren muß.
Mit herzlicher Freundschaft ganz der Ihrige L. Spohr.

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Mendelssohn Bartholdy, Felix
Erwähnte Personen: David, Ferdinand
Hauptmann, Moritz
Schumann, Robert
Stapleton, Frederic
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Ouvertüren, op. 126
Spohr, Louis : Sonaten, Kl, op. 125
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Gewandhaus <Leipzig>
Hofkapelle <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1843012311

http://bit.ly/2Vst8DF

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Mendelssohn, 11.03.1842. Möglicherweise entstand zwischenzeitlich noch ein Empfehlungsschreiben von Spohr an Mendelssohn für Friedrich Kiel, das jedoch nicht abgegeben wurde. Mendelssohn beantwortete diesen Brief am 26.01.1843.

[1] Rechts auf dem Adressfeld befindet sich der Poststempel „CASSEL / 23 / 1 / 1843“, links über dem Adressfeld der Stempel „[St. Post] / 26 JAN / V. [???]“.

[2] Spohr an Robert Schumann, 20.01.1843.

[3] „zwar“ über der Zeile eingefügt.

[4] Frederic Stapleton (vgl. Christian Rudolph Wessel an Spohr, 04.11.1842).

[5] Vgl. Moritz Hauptmann an Spohr, 01.12.1842.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (26.06.2020).