Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18421229>

Breslau 29sten Dezember 1842

Hochgeehrtester Freund und Gönner!

Indem ich Ihnen so wie den lieben Ihrigen, Verwandten, Freunden und Bekannten ein recht fröhliches neues Jahr wünsche, bin ich so frei, die bewußte Sinfonie zu gütiger Aufführung zu übersenden. Wenn Eisenbahn bis Cassel wäre, so würde ich zum Konzert-Tage hinkommen, so aber kann ich nur im Geiste bei Ihnen sein. Meine bei Ihnen verlebten und durch Ihre Güte so genußreichen Tage gewähren mir eine Erinnerung, die ich um keinen Preis hingeben möchte, man beneidet mich hier sehr darum, und des Erzählens ist kein Ende. Meine Reise nach Leipzig, so wie dann hierher ging glücklich und ohne Unfall von Statten. In Leipzig wurde meine Sinfonie schön ausgeführt und erhielt vielen Beifall, auch sang die Devrient 4 mal, außerdem gab es noch die Ouverture zur Iphigenie von Gluck, Klarinettkonzert und Klavierspiel von Mendelssohn.1 In Dresden hörte ich noch die Stumme von Portici sehr schön ausführen, namentlich leistet dort der Chor Außerordentliches. Das schöne Haus überraschte mich ungemein. In Breslau wurde ich durch Manches sehr unangenehm überrascht. Carl Cranz, unser erster Musikverleger hatte zum Erstaunen aller Menschen fallirt und war verschwunden2, der andere erschütternde Fall war der bald nach meiner Ankunft erfolgte Tod des Universitäts-Musik-Direktors und Dom-Organisten Wolf, eines blühenden Mannes von 40 Jahren. Er starb an einer eben so seltenen als schaudervollen Krankheit, nämlich an Vereiterung des inneren Gehörganges und Gehirnes.3 Leider hatte er ein sich zuweilen einstellendes Ohrübel nicht mit der nöthigen Wichtigkeit behandelt, jedoch ahnte niemand die große und plötzliche Gefahr. Die Kunst verliert in ihm einen würdigen Priester. Als Organist und Klavierspieler so wie als Kirchenkomponist war er ausgezeichnet. Außerdem kannte er jede Gattung von guter Musik auf das Genaueste und war ein großer Verehrer Ihrer Werke. Er lebte hier beglückt durch angenehme Stellung in Kunst, Häuslichkeit und Wohlhabenheit, um so schrecklicher sein plötzlicher Tod, der ganz Breslau tief ergriff. Bald nach meiner Ankunft hörte ich im Künstlerverein Ihr g dur Quintett in sauberer Ausführung, die, wenn auch an die unvergleichliche bei Hr. Prof. Wolf4 nicht heranreichend, mich doch recht befriedigte und süße Erinnerungen weckte, auch Ihre 5te Sinfonie in c moll wurde im Abonnementskonzert gegeben. Was macht Bottchen?5 kommt er nicht bald zu uns? Alles bestürmt mich hier, ihn doch recht bald herzuzitiren. Man ist ungemein gespannt auf seine hohen Kunstleistungen. Liszt hat sich nun zu Ende Januar angemeldet, was mir sehr erwünscht ist. Ihre neue Sinfonie wird nächstens auch hier gegeben werden. Kürzlich ließ sich hier ein Marquis Manara, angeblich Schüler Paganinis hören. Er spielte eine böse Violine, gewöhnlich 1/4 Ton zu hoch, das schaudervollste Zeug, ohne alle Gelläufigkeit. Er wollte sich aber auch in einem Ihrer Violinduetten (einem Adagio) zeigen, das er für eine Geige arrangirt hatte und mit verkehrtem Bogen, die Haare über, die Stange unter den Saiten alle 4 auf einmal beherrschte. Ihr Duett war aber nicht zu erkennen, da blos mehrerentheils die 2. Stimme zum Vorschein kam. Das Publikum bestand aus einigen 20 Personen, auch wurde mitunter ziemlich laut gelacht.6 Für den verstorbenen Wolf hier wurde kürzlich im Dom Mozarts Requiem meisterhaft gegeben. Meine Sinfonie haben Sie wohl die Güte bald nach der Aufführung unfrankirt zu remittiren, da sie gegen Ende der Konzerte auch hier noch gegeben werden soll. Erfreuen Sie mich recht bald mit einigen Zeilen. Empfehlen Sie mich den lieben Ihrigen hochachtungsvoll, auch meine Eltern bitten ergebenst darum und danken ebenfalls für alle mir bewiesene Liebe und Güte ganz ergebenst.

Wie immer
Ihr ergebenster Verehrer
Adolph Hesse.

Musikalische Anekdote! In Dresden sah in einem Musikladen eine Dame Kompositionen von Pott7 liegen und sagte: Ach das ist gewiß der Pott, welcher die vielen Pourri’s geschrieben hat!



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 23.10.1842. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 17.04.1843.

[1] Vgl. [Heinrich Maria Schmidt], „Achtes Abonnementconcert, d. 1. Decbr.”, in: Neue Zeitschrift für Musik 17 (1842), S. 215f., hier S. 216.

[2] Die Insolvenz dieses Verlags scheint bislang sonst nirgendwo erwähnt zu sein. Der einzig mir bekannte Hinweis: „Zum 1. Januar 1843 ging das Unternehmen käuflich auf F.W. Grosser über, der es fortan unter seinem eigenen Namen betrieb” („Robert Schumann im Briefwechsel mit dem Verlag Cranz in Breslau 1835-1838”, hrsg. v. Hroswith Dahmen und Konrad Sziedat, in: Briefwechsel Robert Schumanns mit Verlagen in Nord- und Ostdeutschland, hrsg. v. Hrosvith Dahmen, Michael Heinemann, Thomas Synofzik und Konrad Sziedat (= Schumann Briefedition III,7), Köln 2009, S. 95-104, hier S. 97.

[3] Vgl. „Aus Breslau”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 45 (1843), Sp. 151f., hier Sp. 152.

[4] Im Salon von Johann Heinrich Wolff, verheiratet mit Spohrs zweiter Tochter Ida, fanden viele von Spohrs Kammermusikaufführungen statt.

[5] Jean Joseph Bott, Schüler Spohrs.

[6] Vgl. „Aus Breslau”, Sp. 152.

[7] August Pott, Schüler Spohrs und Hofkapellmeister in Oldenburg.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (06.05.2015).