Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Firnhaber:7

Lieber Herr Capellmeister!

Es wird wohl endlich Zeit seyn, daß ich auf Ihre freundliche Einladung zum Weihnachtsfeste Ihnen eine Antwort gebe. Entschuldigen Sie aber die Verzögerung mit dem aufrichtigen Wunsche, daß ich Ihrer Einladung hätte folgen können. Erst jetzt, nun ich mir aus vernünftigen Gründen aller Art den Entschluß abgerungen hier die Weihnachtszeit zu erleben, beeile ich mich deßhalb, Ihnen meinen innigsten Dank für Ihre gütige Einladung zu sagen.
Erlassen Sie mir die Aufzählung aller Gründe, mit denen ich diesen Entschluß unterstüzen könnte. Nur so viel, zu Ostern hoffe ich ganz zuverlässig, von Ihrer Einladung Gebrauch machen zu können; dann dauern meine Ferien auch länger, als zu Weynacht, u ich habe die Aussicht, in einem Conzerte unter Ihrer Leitung mitzuwirken. Vielleicht daß dann auch nach der Hofseite hie das Terrain für mich günstiger ist, als augenblicklich, wo die neuen speziellen Vaterfreuden den allgemeinen Landesvater etwas übel gestimmt haben sollen. Also auf Ostern! die Zeit geht schnell hin, wird auch die Masse des musikalisch. Neuen, was ich nochzuholen habe, immer größer, mein Magen wird desto hungriger u wird wird mir an solchen Genüssen verderben.
Hier werden mir dieselben allerdings nur in der gewohnten Weise spärlich zugetheilt, doch habe ich Ernst in Frankf. gehört1, u glaube, Ihnen davon einen hohen Genuß versprechen zu dürfen, da er, wie ich glaube, jetzt nach Cassel geht. Die beiden Wundermädchen Milanollo habe ich noch nicht gehört, da mein letzter Versuch mißlang. Ich fuhr in schönster Gesellschaft hin nach Frankfurt, aber das Theater war so besetzt, daß alle Versuche, einen Platz zu finden, vergeblich2 waren. Die Frankfurter sagen, gegen diese Mädchen sey Ernst nur Spaß. Wer weiß, vielleicht hat nur das Ungewöhnliche der Erscheinung Antheil an solchen Enthusiasmus.3
Ich muß, wegen Überfülle von Geschäften, hier schließen. Die Vorlesungen über dramat. Poesie der Alten u Neuern, welche ich vor einem ausgesuchten Damenpublicum halte, nehmen alle meine Zeit sehr in Anspruch; übermorgen halte ich die vierte. Ich kann mir lebhaft denken, daß die Lust dabei mir bedeutend erhöht werden würde, wenn ich unter meinen aufmerksamen Zuhörerinnen auch die alten Caßler Freundinnen sähe zb. Ihre liebe Frau u Schwägerin; die Hopffe, die Malsburg, Pfeiffers u.s.w. diese alle bitte ich aufs Herzlichste zu grüßen.
Ihnen ein fröhliches Fest wünschend fließe ich, füge jedoch noch bei, daß es meinem Willi4 gottlob! recht gut geht, daß er sein viertes Lebensjahr in aller möglichen Fidelität begonnen hat. Freundlichst grüßend

Ihr
Firnhaber

Hanau 15ter Xber 1842.

Erwähnte Personen: Ernst, Heinrich Wilhelm
Firnhaber, Carl Wilhelm
Hopffe, Friedrich Heinrich
Hopffe, Henriette
Malsburg, Caroline von der
Malsburg, Otto von der
Milanollo, Maria
Milanollo, Teresa
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Hanau
Kassel
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1842121518

http://bit.ly/2Qd2ucH

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Firnhaber, 23.11.1842. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Firnhaber an Spohr, 04.04.1843.

[1] Vgl. „H.W. Ernst in Frankfurt a.M.“, in: Didaskalia 24.11.1842, nicht paginiert.

[2] Hier ein Wort gestrichen.

[3] Zum Auftritt der Schwestern Milanollo am 05.12.1842 in Frankfurt vgl. „Die Schwestern Milanollo“, in: Didaskalia 08.12.1842, nicht paginiert; siehe auch „Die Schwestern Milanollo“, in: ebd. 15.12.1842, nicht paginiert.

[4] Firnhabers Sohn Carl Wilhelm.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.09.2018).